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Trump oder Biden? Die US-Wahlen und ihre Auswirkungen

08.07.2020

  • Am 3. November finden die US-Präsidentschaftswahlen statt; zeitgleich werden das Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu gewählt
  • Der demokratische Herausforderer Joe Biden liegt in den aktuellen Umfragen deutlich vor Amtsinhaber Donald Trump
  • Bidens Wahlprogramm steht für höhere Unternehmens-steuern, restriktivere Umweltstandards, mehr Infrastruk-turausgaben und stärkere Regulierung
  • Ein Wahlsieg Bidens wäre wohl kurzfristig eher negativ für US-Aktien, würde das langfristige Bild aber nur wenig trüben

Ein heißer Herbst
In den USA geht der Wahlkampf in diesen Wochen in seine heiße Phase. Während US-Präsident Trump trotz Covid-19 die Nähe zu seinen Anhängern sucht und große Wahlkampfveranstaltungen plant, setzt sein Herausforderer Joe Biden stärker auf digitale Kommunikation. In den aktuellen Meinungsumfragen liegt er mittlerweile spürbar vor Trump.
Insbesondere der massive Anstieg der Arbeitslosigkeit und das wenig überzeugende Auftreten während der Corona-Krise hat Trump viel Sympathie gekostet. Von daher ist der fast 10%ige Vorsprung von Biden eher als „Trump-Malus“ denn als „Biden-Bonus“ zu sehen.

Grafik: Aktuelle Meinungsumfragen sehen Biden vorne

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Quelle: RealEconomics

Zudem wissen wir spätestens seit der letzten Wahl, dass nicht der Präsident wird, der in den Umfragen führt oder die meisten Stimmen auf sich vereint. Entscheidend aufgrund des komplexen US-Wahlrechts ist vielmehr der Sieg in den sogenannten „Swing States“ und damit die Mehrheit bei den Wahlmännern oder -frauen. Doch auch hier sieht es aktuell für Trump alles andere als rosig aus. Das Wirtschaftsmagazin Economist hat ein statistisches Modell entwickelt, mit dem es den Wahlausgang in allen Bundesstaaten prognostiziert. Das Ergebnis ist aktuell auch hier eindeutig: Joe Biden würde 344 der notwendigen 270 Wahlleute gewinnen.

Grafik: The Economist prognostiziert ebenfalls Biden-Sieg

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Quelle: The Economist. Prognose der Wahlleute

Seine Erfolgswahrscheinlichkeit liegt damit nach Kalkulationen des Magazins bei rund 90%. Dies verdeutlicht eins: Der amtierende Präsident Trump steht mit dem Rücken zur Wand. Entsprechend groß ist der Druck, die wirtschaftlichen Folgen von Corona schnell in den Griff zu bekommen und Einschränkungen zu lockern. Dass dies nicht ungefährlich ist, zeigt der deutliche Anstieg der Neuinfektionszahlen in den südlichen US-Bundesstaaten.

Der Präsident ist das eine, der Senat das andere
Für die künftige Politik in Washington ist neben der Präsidentenwahl auch die Zusammensetzung des Kongresses entscheidend. Während das Repräsentantenhaus wohl fest in den Händen der Demokraten bleiben dürfte, zeichnet sich aktuell ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Mehrheit im Senat ab. Hier haben aktuell die Republikaner das Sagen (53 zu 47 Stimmen), müssen aber im Herbst deutlich mehr Mandate verteidigen (23) als die Demokraten (12). Somit besteht eine realistische Chance, dass Joe Biden nicht nur US-Präsident wird, sondern auch mit doppelter Parlamentsmehrheit „durchregieren“ kann.

#1: Biden wird zurückhaltender agieren
Der wesentliche Unterschied zwischen Trump und Biden ist schon im bisherigen Wahlkampf deutlich geworden. Biden ist Politiker durch und durch, bewahrt auch in kritischen Situationen einen klaren Kopf und zeigt sich in seiner Kommunikation zurückhaltend, aber deutlich. Damit ist er gefühlt der komplette Gegenentwurf zu Trump, der sich selbst in den vergangenen Jahren seiner Amtszeit eher als „CEO der USA“ gesehen und der Märkte und Partnerländer immer wieder durch überraschende Richtungsänderungen irritiert hat. Von daher könnte die aktuell hohe Risikoprämie für Aktien unter einem US-Präsidenten Biden tendenziell sinken – weil der Markt seine Rhetorik verlässlicher einschätzen kann als die Trumpschen Twitter-Angriffe.

#2: Biden steht für höhere Steuern
Biden will die von Trump deutlich reduzierte Unternehmenssteuer wieder anheben. Dabei peilt er einen grundsätzlichen Steuersatz von 28% an (aktuell: 21%). Zwar ist fraglich, ob er diesen Plan angesichts der Corona-bedingten Negativfolgen tatsächlich bereits kurzfristig umsetzen würde. Grundsätzlich hätten höhere Steuern aber Negativfolgen für Aktien: Die Unternehmensgewinne würden leiden. Wie stark hängt entscheidend von der genauen Ausgestaltung ab. Sollte Biden zusätzlich zu den grundsätzlich höheren Steuersätzen auch eine Mindestversteuerung einführen, könnte dies die ausgewiesenen Unternehmensgewinne um bis zu 10% belasten.

Grafik: Biden plant höhere Unternehmens-Steuersätze

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Quelle: JP Morgan

Darüber hinaus rechnen wir damit, dass das Wachstum der Dividenden sowie das Volumen für Aktienrückkäufe stärker leiden würden – bisher zwei wesentliche Kurstreiber für US-Aktien.
Auch vermögende Privathaushalte sollen tiefer in die Tasche greifen. Den Plänen nach soll der Spitzensteuersatz wieder deutlich angehoben werden, Sozialabgaben auf bis zu 400.000 US-Dollar Einkommen p.a. gezahlt werden und die Steuererleichterungen für langfristige Kapitalerträge bei einem Vermögen ab 1 Millionen US-Dollar entfallen.

Grafik: Bisherige Ausschüttungspolitik könnte leiden

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Quelle: JP Morgan. Aggregierte Dividenden und Aktienrückkäufe in Mrd USD

#3: Biden will einen höheren Mindestlohn
Eine weitere zentrale Forderung aus Bidens Wahlkampfprogramm ist ein höherer Mindestlohn. Dies ist ein zweischneidiges Schwert, da es zum einen die Kostenbelastung für US-Unternehmen erhöhen würde, zum anderen aber den Konsum anfachen könnte. Aggregiert würden sich beide Faktoren wohl ungefähr die Waage halten, wobei größere Unternehmen die Zusatzbelastungen besser wegstecken könnten als kleinere.

Grafik: US-Amerikaner mittlerweile offener für mehr Staat

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#4: Biden fordert mehr Regulierung
Anders als Trump, der die De-Regulierung von Schlüsselindustrien vorangetrieben hat, möchte Biden insbesondere im Gesundheitssektor und in der Finanzindustrie wieder mehr staatlichen Einfluss geltend machen. Dabei nutzt er auch die Tatsache, dass sich die Stimmung in der Bevölkerung in den letzten Jahren massiv gedreht hat und nun eine größere Offenheit für staatliche Regulierungsmaßnahmen gegeben ist. So will Biden jedem Amerikaner eine staatliche Gesundheitsvorsorge als freiwillige Option anbieten und die Auflagen für Investmentbanken verstärken.

#5: Biden unterstützt „new green deal“
Biden möchte mit der Politik Trumps brechen und Umweltauflagen für Unternehmen wieder deutlicher verschärfen. Zudem soll eine nationale Kraftanstrengung unternommen werden, um Treibhausgase stärker zu begrenzen und Umwelttechnologien zu fördern. Sollte Biden diese Politik konsequent umsetzen, wäre vor allem die US-amerikanische Frackingindustrie negativ betroffen. Denn sie profitiert aktuell von sehr laschen Umweltstandards. Dies könnte mittelfristig die Dynamik am Ölmarkt beeinflussen. Allerdings ist fraglich, wie ent-schlossen Biden hier agieren wird. Denn Fracking steht mittlerweile für gut 11% der US-Industrieproduktion und eine nicht unerhebliche Anzahl von Arbeitsplätzen.

#6: Biden will die Infrastruktur fördern
Deutliche Ausgaben plant Biden im Bereich der Infrastruktur. Dabei sollen nicht nur klassische Projekte wie z.B. Straßen und Verkehrswege angestoßen, sondern auch die Digitalisierung vorangetrieben werden. Dies gilt insbesondere für die Ausstattung von Schulen und Universitäten.

#7: Biden dürfte gegenüber China hart bleiben
Keine Änderungen erwarten wir in den bilateralen Beziehungen zu China. Die dürften auch unter einem Präsidenten Biden angespannt bleiben, zumal der Demokrat Menschenrechtsverletzungen stärker ansprechen dürfte als der aktuelle Amtsinhaber. Lediglich sein Ton dürfte moderater ausfallen, was allerdings am fundamentalen Risiko – der Handelsstreit zwischen beiden Ländern schwelt weiter – nichts Substanzielles ändert.

Fazit

Fazit

Die US-Präsidentschaftswahlen könnten erhebliche Auswirkungen auf Politik und Wirtschaft der größten Volkswirtschaft der Welt haben. Entsprechend beobachten wir den aktuellen Wahlkampf, aber auch die Entwicklung der Umfrageergebnisse genau. Ein möglicher Wahlsieg von Joe Biden könnte da-bei an den Börsen aufgrund seiner Steuerpläne zunächst verhalten aufgenommen werden, ändert aber langfristig wohl nur wenig an der grundsätzlichen Attraktivität von US-Aktien. Zu-mal die Zusammensetzung des Senats mindestens ebenso wichtig wird wie der künftige Herrscher im Weißen Haus.


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