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Japanische Börse reagiert kaum auf Abes Rücktritt – Suga führt Politik fort

18.09.2020

  • Ministerpräsident Abe tritt gesundheitsbedingt zurück
  • Nachfolger wird Kabinettschef Suga
  • Keine substanzielle Politikänderung erwartet
  • Votum für Aktienmarkt in Japan weiter Neutral

Mnisterpräsident Abe tritt gesundheitsbedingt zurück
Japans Ministerpräsident Abe hat angekündigt, nach fast acht Jahren aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus seinem Amt auszuscheiden. Sein Nachfolger als Regierungschef und Parteivorsitzender der Liberaldemokratischen Partei, die zusammen mit der Komeito die Mehrheit im Parlament stellt, wird der 71jährige Kabinettschef Yoshihide Suga.

Die japanische Börse reagierte nur kurz negativ auf die Rücktrittsankündigung von Premier Abe. Die Kurse erholten sich in den darauffolgenden Sitzungen wieder.
Wir gehen - wie die meisten anderen Anleger auch – nicht davon aus, dass sich bis zu den nächsten Wahlen im Herbst 2021 an der Fiskal- und Geldpolitik viel ändern wird. Die Politik dürfte vorrangig mit der Eindämmung der negativen Auswirkungen aus der Covid-19-Krise befasst sein.
Auch für den japanischen Yen erwarten wir zunächst keine wesentlichen Änderungen, weshalb wir unser Votum für den japanischen Aktienmarkt innerhalb unseres Regionenrankings unverändert mit Neutral bestätigen.

Abenomics mit Licht und Schatten
Die Würdigung der sogenannten „Abenomics“ (Dreiklang aus expansiver Geld- und Fiskalpolitik sowie Strukturreformen) fällt je nach Betrachtungsweise sehr gemischt aus. Gewinner der Abenomics sind vor allem die Investoren und Großkonzerne. Während der Amtszeit von Abe legte der Topix um rd. 85% zu. Die Dividendensumme der japanischen Firmen verdoppelte sich, das Volumen der Aktienrückkäufe stieg um das Vierfache und die Corporate Governance wurde spürbar verbessert. Es gab sogar rekordhohe Fusionen und Firmenkäufe im In- und Ausland. Die Beschäftigung (auch die der Frauen) konnte deutlich ausgeweitet werden. Abe brachte zudem Stabilität und Berechenbarkeit zurück in die Politik.

Muster Bild

Des Weiteren konnte die Deflation mithilfe der ultraexpansiven Geldpolitik der Bank of Japan „besiegt“ werden. Ein dynamischer Inflationstrend (das Inflationsziel von 2% wurde beständig verfehlt) hat sich bisher allerdings noch nicht durchgesetzt. Es droht ständig die Gefahr eines erneuten Abrutschens in die Deflation, zumal der geldpolitische Instrumentenkasten immer leerer wird. Nicht zuletzt gab es Erfolge im Bereich der Landreform, der Deregulierung, der Förderung der Startup-Szene sowie die Unterzeichnung des Handelsabkommens mit den asiatisch-pazifischen Nachbarn und dem Freihandelsabkommen mit der EU. Die schrittweise Öffnung Japans für ausländische Arbeitskräfte dürfte sich fortsetzen.

Negativ zu Buche schlägt allerdings der Mangel an durchschlagenden Strukturreformen. Auch wenn sich die Beschäftigung sichtbar ausweiten konnte, ist die Qualität der Arbeitsplätze oftmals gering (viele Halbtagsjobs und Zeitarbeit mit geringeren Löhnen und Sozialleistungen). Ohne die kräftige Mithilfe der Notenbank, die mittlerweile über 40% der Staatsanleihen hält, wäre der „Erfolg“ der Abenomics noch kleiner ausgefallen. Die Monetarisierung der Staatsschulden dürfte aber zunächst ein wichtiger Pfeiler der japanischen Politik bleiben.

Durch die Abenomics stieg die Verschuldung weiter an. Ursprünglich sollte im Jahr 2027 ein ausgeglichener Haushalt erzielt werden. Durch die Covid-19-Pandemie und die daraus resultierenden zwei hohen Nachtragshaushalte (April/Mai 2020) im Volumen von rund 10% des BIP wurde das Ziel nun um zwei Jahre auf das Jahr 2029 verschoben. Die Staatsschulden im Verhältnis zum BIP könnten dann weiter auf ein Niveau von rd. 260% steigen.

Unter neuem Premier Suga wird sich nicht viel ändern
Yoshihide Suga machte nach seiner Wahl rasch klar, dass er Abes Politik fortführen und weiterentwickeln wolle („Abenomics mit Verbesserungen“).
Er präferiert einen „Dreiklang aus Selbsthilfe, Gemeinschaftshilfe und staatlicher Hilfe“ und dürfte die ländlichen Regionen stärken.
Während seiner Amtszeit bis zu den nächsten Wahlen im Herbst 2021 dürfte er jedoch vorrangig damit befasst sein, die negativen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die japanische Wirtschaft abzumildern. Diese durchlebt gerade die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit.
Eine wichtige (Dauer-) Aufgabe des neuen Premierministers ist auch die „Pflege“ des nicht immer einfachen Verhältnisses zur Wirtschafts- und Militärmacht China.

Faktoren, die die japanische Börse im zweiten und dritten Quartal 2020 gestützt haben
Zu den Faktoren, die die japanische Börse im zweiten und im dritten Quartal 2020 gestützt haben, zählen unter anderem:

  • Ein rasches Wiederhochfahren der wirtschaftlichen Aktivität nach dem „Lockdown“
  • Relativ attraktive Dividendenrenditen
  • Ein starker Yen, der in Krisenzeiten als sicherer Ha-fen fungiert und bestenfalls noch Währungsgewinne beschert
  • Aktienkäufe der Bank of Japan (BoJ), die das ge-plante jährliche Ankaufvolumen von 6 auf 12 Billionen Yen erhöhte
  • Hohe Cash-Bestände japanischer Unternehmen, die die gestiegenen Dividendenzahlungen sichern helfen
  • Eine sukzessive Erholung der Konjunktur in China

Der Nikkei 225-Index verlor seit Jahresanfang 2020 rd. 1,3% an Wert (per 18. September 2020). Die Bewertung des Topix ist seit dem starken Kursanstieg nach dem „Coronatief“ mit einem KGV (2021) in Höhe von fast 15 nicht mehr als günstig einzustufen.
Für ein Übergewichten bedarf es v.a. einer glaubwürdigen Strategie der Regierung zur mittelfristigen Rückführung der hohen Schulden sowie wirksamer und nachhaltiger Struktur-reformen, die über das bisherige Ausmaß der „Abenomics“ deutlich hinausgehen.
Vielen Anlegern fehlt augenblicklich weiterhin ein zündendes Investmentthema.

Fazit

Fazit

Der Rücktritt Abes hat an den Kapitalmärkten in Japan kaum Spuren hinterlassen, da sein Nachfolger Yoshihide Suga die Politik der sogenannten Abenomics weitgehend fortsetzen wird. Im Mittelpunkt seiner Amtszeit bis zur nächsten Wahl im Herbst 2021 steht zudem die Bekämpfung der negativen konjunkturellen Folgen, die durch die Covid-19-Pandemie verursacht worden sind. Wir bestätigen unser Votum für den Aktienmarkt in Japan mit Neutral.


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Autor: André Sadowsky, CEFA

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