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    Insight zur Bundestagswahl 2021

Bundestagswahl: Die Qual nach der Wahl?

03.09.2021

  • Jüngste Meinungsumfragen deuten auf schwierige Mehrheitsverhältnisse nach der Bundestagswahl hin
  • Wohl keine Mehrheit für Zweierbündnis - Ampelkoalition oder Jamaika-Bündnis am wahrscheinlichsten
  • Durch hohen Briefwahl-Anteil vermutlich geringere Prognosegüte der Umfragen als bei früheren Urnengängen
  • Folgen für Kapitalmärkte zunächst überschaubar: Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat behindern tiefgreifende Neuausrichtung der deutschen Politik
  • Aber: Stärkerer Klimaschutz, mehr Eingriffe in Immobilienwirtschaft und laxere Finanzpolitik mit potenziellen Folgen für einzelne Industriezweige

Die Ära Merkel endet
Wenn am 26.09.21 um 18 Uhr die Wahllokale schließen, ist zumindest eines sicher: Das Ende der Ära Merkel naht! Mit rund 16 Jahren Regierungsverantwortung hat Angela Merkel die Geschicke Deutschlands und Europas genauso lange geprägt wie Helmut Kohl vor ihr. Allein ihr Abgang ist damit eine Zäsur in der bundesdeutschen Geschichte. Die könnte aber sogar deutlich spürbarer ausfallen, weil es nach den aktuellen Meinungsumfragen für die seit 2013 regierende GroKo keine eigene Mehrheit mehr gibt. Vieles spricht also dafür, dass wir uns nicht nur an ein neues Gesicht im Kanzleramt gewöhnen müssen, sondern dass sich auch die Machtverhältnisse im Reichstag verändern.

Frage #1: Wie zuverlässig sind Meinungsumfragen?
Spätestens seit dem Brexit und dem Wahlerfolg Donald Trumps gegen Hillary Clinton wissen wir, dass Demoskopen nicht unfehlbar sind. Blickt man in die Historie der Bundestagswahlen zurück, ist es den Meinungsforschern dennoch recht zuverlässig gelungen, die wesentlichen Entscheidungen vorherzusagen. Allerdings gibt es diesmal zwei Faktoren, die diese Bilanz trüben könnten: die erwartet sehr hohe Anzahl an Briefwählern und der vier Wochen vor der Wahl noch immer hohe Prozentsatz unentschlossener Wähler. Von daher ist das Rennen noch nicht gelaufen, gewisse Trends verfestigen sich aber.

Grafik: Aktuelle Meinungsumfragen

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Frage #2: Welche Trends erkennen wir in den Umfragen?
Auf Basis der Meinungsumfragen der letzten Wochen zeichnen sich für uns vor allem drei Trends ab:

  • Die SPD steigt in der Wählergunst vor allem, weil ihr Spitzenkandidat Olaf Scholz persönlich überzeugt. Dies sieht man in den Sympathiewerten der drei Kandidaten, bei denen Olaf Scholz mit weitem Abstand vor Armin Laschet und Annalena Baerbock liegt. Die hohen Umfragewerte sind also kein Zeichen eines Linksrucks unserer Gesellschaft, sondern vor allem auf die Persönlichkeitswerte der Spitzenkandidaten zurückzuführen.
  • Wir halten es auf Basis der aktuellen Umfragen für sehr wahrscheinlich, dass es im neuen Bundestag keine Mehrheit für eine Zweierkoalition geben wird. Damit dürfte es erstmals in der Bundesgeschichte eine Koalition aus drei Parteien geben.
  • Die Grünen und die FDP haben aus heutiger Sicht zwar keine Chance, den neuen Regierungschef zu stellen. Trotzdem dürfte ihr Einfluss nach den Wahlen wachsen. Beide Parteien könnten das Zünglein an der Waage sein und damit über die weitere Entwicklung der Bundespolitik entscheiden.

Frage #3: Welche Regierungskonstellation ist am wahrscheinlichsten?
Wir halten aktuell zwei Dreierkoalitionen für realistisch: eine Ampelkoalition unter Führung der SPD oder eine Jamaika-Koalition unter Führung der Union. Den Ausschlag geben dürfte das Wahlergebnis, sprich: welche der beiden ehemaligen Volksparteien die Stimmenmehrheit gewinnt. Auch andere Konstellationen sind denkbar, dürften aber nur „zweite Wahl“ sein. So wäre für uns eine Linksregierung aus SPD, Grünen und Linken nur dann vorstellbar, wenn Verhandlungen über eine Ampelkoalition scheitern. Auch eine Neuauflage der GroKo unter Zuhilfenahme einer weiteren Partei (Grüne oder FDP) dürfte nur als Notlösung in Frage kommen. Bedeutet aber auch: Die Unsicherheitsphase nach der Wahl könnte ähnlich lang andauern wie nach der letzten Bundestagswahl, da sich die Farbkonstellationen in der Sondierungsphase ggf. noch einmal verändern könnten. Dies würde die Verhandlungen in die Länge ziehen.

Tabelle: Denkbare Regierungskonstellationen und aktuelle Meinungsumfragen

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Quelle: www.wahlrecht.de. Grau schattiert: mögliche Mehrheit

Frage #4: Welche Rolle spielt der Bundesrat?
Unabhängig vom Wahlausgang behält die Unionsfraktion ihre Mehrheit im Bundesrat. Da alle wesentlichen Gesetzentwürfe hier mitbestimmungspflichtig sind, gehen wir davon aus, dass unabhängig vom Ausgang und der Ausgestaltung einer neuern Regierungskoalition keine drastische Richtungsänderung der Politik ausgehen wird.

Frage #5: Könnten kurzfristige Änderungen des Spitzenpersonals noch etwas bewirken?
Ja! Da die Nachfolge von Angela Merkel nicht direkt entschieden wird, sondern durch Wahl des neuen Bundestags ist der Austausch des Spitzenpersonals bis zuletzt möglich. Veränderte personelle Konstellationen könnten dabei erhebliche Auswirkungen auf das Ergebnis haben, zumal der jüngste Höhenflug der SPD vor allem auf die Person Olaf Scholz zurückzuführen ist. Allerdings ist klar, dass sich das Zeitfenster für einen Personalwechsel schnell schließt. Denn angesichts des erwarteten Briefwahlanteils werden viele Wahlentscheidungen wohl schon vor dem 26.09. fallen.

Frage #6: Welche Folgen erwarten wir für die Kapitalmärkte?
Wir sind nicht der Meinung, dass Wahlen das Umfeld für Kapitalmärkte massiv beeinflussen. Entsprechend blicken wir recht entspannt auf den in gut drei Wochen anstehenden Urnengang.

Nichtsdestotrotz gibt es natürlich Bereiche, in denen wir politische Effekte erwarten. Positiv könnte ein Regierungswechsel (unter Beteiligung der Grünen) vor allem im Bereich des Klimaschutz wirken. Dies dürfte insbesondere die Erneuerbaren Energien stützen. Hier sind wir mit unserer Depotbeimischung im KlimaVest exzellent positioniert. Eine lockerere Fiskalpolitik und eine stärkere Solidarität in Europa (Stichwort: Vergemeinschaftung von Staatsschulden) könnte zudem das Sentiment für Europa weiter verbessern. Das dürfte vor allem an den Risikoaufschlägen von Peripherie-Anleihen ablesbar sein.

Eine Stimmungseintrübung könnte im Bereich der börsennotierten Immobiliengesellschaften drohen. Ein stärkeres SPD-Gewicht in der Regierung und/oder eine Beteiligung der Grünen dürften insbesondere bei Wohnimmobilien die Gefahr von restriktiven Eingriffen erhöhen. Hier gibt es zwar das Korrektiv des Bundesrats. Das dürfte aber nur bedingt Wirkung entfalten. Ebenfalls belastet werden dürften energieintensive Betriebe. Hier droht zusätzlich Ungemach von Seiten der EU. In beiden Bereichen sind wir in unseren aktuellen Portfolien nur mit kleineren Positionen exponiert. So halten wir den hausInvest, der mit seinem klaren Fokus auf Gewerbeimmobilien und seine internationale Ausrichtung von möglichen deutschen Auflagen bei Wohnimmobilien und Mieten kaum tangiert wird. Von Investments in energieintensiven Industriezweigen haben wir uns weitgehend verabschiedet, zumal unsere Nachhaltigkeitspräferenz hier klar für andere Schwerpunkte spricht.

Fazit

Fazit

Die Bundestagswahlen 2021 dürften bis zuletzt spannend bleiben. Wir rechnen mit einer relativ langen Phase bis zur finalen Regierungsbildung, halten die unmittelbaren Folgen für die Börsen aber für überschaubar. Unter den volatilen Stimmungsschwankungen sollten Immobiliengesellschaften und energieintensive Betriebe eher leiden, während Erneuerbare Energien tendenziell positiv gestützt werden.


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Verantwortlich: Chris-Oliver Schickentanz, CEFA
Autor: Chris-Oliver Schickentanz, CEFA

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