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Chart der Hoffnung

07.01.2021

  • Die ersten Impfstoffe sind da, folgt nun 2021 die Normalisierung?
  • Viele Fragen, doch leider gibt es nicht immer eindeutige Antworten
  • Das Beste zum Schluss: „Chart der Hoffnung“

Die ersten Impfstoffe sind da!
Die breite Verfügbarkeit der SARS-CoV-2(umgangssprachlich: (neuartiges) Coronavirus)-Impfstoffe lässt grundsätzlich auf ein absehbares Abklingen der Pandemie hoffen und somit auf eine Erholung u.a. der Wirtschaftsaktivitäten. Viele Fragen sind aktuell allerdings noch offen und die Antworten auf diese Fragen haben massiven Einfluss auf den weiteren Verlauf der Pandemie. Nachstehend eine Auswahl der häufigsten Fragen und deren Antworten nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnisse:

Wie funktioniert ein mRNA-Impfstoff?
Grob vereinfacht kann man formulieren: Die beiden völlig neuartigen mRNA-Impfstoffe von BioNTec bzw. Moderna enthalten im Gegensatz zu herkömmlichen Vakzinen keine abgeschwächten oder abgetöteten Viren, sondern lediglich eine Bauanleitung für einen Bestandteil des Corona-Virus. Diese Anleitung wird in Form eines sogenannten mRNA-Moleküls in den Körper geimpft, wo dann die menschlichen Zellen selbst ein bestimmtes Protein (Eiweiß) des Virus herstellen. Das menschliche Immunsystem wird damit zur Bildung von Abwehrstoffen angeregt. Bei späterem Kontakt mit dem Coronavirus erkennt das Immunsystem das Protein wieder und kann den Erreger schnell und gezielt bekämpfen.

Schädigt der Impfstoff das Erbgut?
Das mRNA-Molekül ist kein genetisch wirkender Impfstoff und setzt nicht direkt am Erbgut des Menschen an. Diese Impfstoffe wirken vielmehr nachgelagert, weil sie nur der Überbringer genetischer Informationen an die Zellen sind. Die Botenstoffe werden nach der Informationsübertragung vom Körper schnell wieder komplett zerlegt. Eine Integration von RNA in DNA ist nicht möglich, urteilt beispielsweise das renommierte Paul-Ehrlich-Institut.

Wie lange schützt das Vakzin den Menschen vor einer COVID-19-Erkrankung?
Eine SARS-CoV-2-Infektion kann (muss aber nicht) neben zahlreichen anderen Symptomen auch die Krankheit CO-VID-19 auslösen. Bei dieser kommt es u.a. zu einer beidseitigen Lungenentzündung. Beobachtet worden sind auch krankhafte Prozesse der Leber, des zentralen Nervensystems, der Nieren, der Blutgefäße und des Herzens.

Vor dieser schweren Form der Erkrankung sollen die Impfstoffe schützen, was ihnen in den klinischen Studien auch recht eindrucksvoll gelang. Unklar bei den beiden bislang zugelassenen Impfstoffen ist jedoch die Dauer der Immunisierung - in der Projektion wird ein Zeitraum von rund einem Jahr angenommen. Momentan wird mehrheitlich davon ausgegangen, dass die Schutzimpfung ähnlich wie bei einem Grippe-Vakzin jährlich wiederholt werden muss.

Wie sicher sind die Impfstoffe?
Sowohl die Zulassung eines Impfstoffs wie auch die persönliche Einschätzung bezüglich einer Impfmaßnahme ist immer auch eine Risikoabschätzung: Sind Wirkung und Nutzen einer Impfung für einen selbst und die Mitmenschen höher als das persönliche Risiko?

Bezüglich des Sicherheitsprofils lässt sich festhalten, dass mögliche Nebenwirkungen (Schmerzen, Rötung und Schwellung an der Injektionsstelle, Müdigkeit, Kopf- und Muskelschmerzen, Schüttelfrost, Gelenkschmerzen, Fieber, Übelkeit, Unwohlsein, geschwollene Lymphknoten - die alle oft nur kurze Zeit vorherrschten) gering sind (Quelle: Centers for Disease Control and Prevention und Pfizer/BioNTech). Dokumentierte unerwünschte Folgen von Impfstoffen zeigen sich generell für gewöhnlich innerhalb von Stunden, manchmal innerhalb von Tagen, sehr selten innerhalb von Wochen. In der nun mehrere Monate erfolgten Nachbetrachtung der in den klinischen Studien geimpften Personen zeigten sich keine nachhaltigen negativen Folgewirkungen.

Mittlerweile sind die beiden Impfstoffe in der Welt bereits mehrere Millionen Mal injiziert worden, es gab nur wenige Menschen mit einer schwereren allergischen Reaktion, die jedoch auch zuvor schon diese Symptome in ihrem Leben durchlitten hatten. Diese Geimpften haben zudem auf bestimmte chemische Trägerstoffe reagiert, nicht auf den Wirkstoff selbst, die Reaktion war nur von kurzer Dauer, bleibende Schäden sind nicht aufgetreten.

In Abwägung zu den Folgen einer COVID-19-Erkrankung überwiegt also nach diesem Stand eindeutig der Nutzen der Vakzination. Mehrheitsmeinung der Wissenschaftler ist entsprechend, dass es viel sicherer ist, sich mit einem dieser Impfstoffe impfen zu lassen, als das Risiko einzugehen, an COVID-19 zu erkranken. Zudem kann eine SARS-CoV-2-Infektion auch ohne COVID-19-Erkrankung zu zahlreichen, auch länger andauernden, Schäden führen.

Wie wirksam sind die beiden ersten Impfstoffe bezüglich der neu aufgetauchten Virus-Varianten?
Zunächst sei festgehalten, dass Virusmutationen völlig normal sind, entscheidend ist dagegen die Art der Mutation. Nach aktuellem wissenschaftlichem Konsens wird erwartet, dass die beiden aktuell zugelassenen mRNA-Impfstoffe vor der neuen SARS-CoV-2-Variante aus Großbritannien schützen. Dies liegt daran, dass die Impfstoffe auf das Spike-Protein abzielen – also den Bereich, in dem das Virus auf den Wirtszellen an den Rezeptor anbindet. Ein immunisiertes Individuum produziert viele Variationen neutralisierender Antikörper, die auf verschiedene Oberflächen dieses Proteins abzielen, was es für das Virus schwierig macht, allen Variationen von Antikörpern auszuweichen.

Komplizierter wird es bei der südafrikanischen Variante, was an der Art der Mutationen liegt. Der Gründer von BioNTech, Uğur Şahin, äußerte immerhin in einem Interview, dass er mit einer Wirksamkeit des Impfstoffes auch gegen die neuen Varianten rechne (zudem wurde das Vakzin im Vorfeld schon an rund 20 anderen Varianten erfolgreich getestet). Schon in wenigen Tagen dürften jedenfalls weitere Tests Klarheit in dieser Angelegenheit bringen. Sollte es sich dagegen als nicht wirksam erweisen, müsste der Impfstoff angepasst werden, dies ist immerhin in einer sehr kurzen Zeitspanne laut dem Hersteller möglich. Allerdings müssten in diesem Fall erneute Testreihen und Zulassungsprozesse folgen, was entsprechend Zeit kostet. Dennoch wäre das Verabreichen der bisherigen Impfstoffe vermutlich immer noch besser als auf einen „nachgebesserten“ Impfstoff zu warten.

Können die Impfstoffe eine Übertragung der Infektion verhindern oder wenigstens mildern?
Klar ist, dass eine Impfung einen schweren Krankheitsverlauf (also COVID-19) beim Impfling mit hoher Wahrscheinlichkeit verhindert. Damit ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass die geimpfte Person den SARS-CoV-2-Erreger den-noch weiterübertragen könnte. Die Hoffnung war, dass bei einer Impfung und anschließenden Infektion die Menge der ausgestoßenen Virusmenge geringer ist als ohne den Impfvorgang. Insofern wäre zumindest eine Milderung der Übertragungsrate zu erwarten. Es gibt jedoch Indikationen dafür, dass sich im Nasen-Rachen-Raum immer noch genügend Corona-Viren befinden, um damit weitere Personen zu infizieren. Damit würden uns Masken-Pflicht und Co noch länger begleiten. Immerhin will BioNTech bis spätestens Februar zu dem Thema genauere Erkenntnisse präsentieren.

Wie schnell werden weitere Impfstoffe zugelassen und welche Wirksamkeit weisen sie auf?
Die untenstehende grafische Projektion ist auch insofern eine konservative Annahme, als dass sie keine weiteren Impfstoff-Zulassung einrechnet. In der Realität ist es allerdings sehr wahrscheinlich, dass sich mindestens ein weiterer Kandidat, der sich derzeit in klinischen Studien befindet (AstraZeneca in Kooperation mit Oxford University - die bereits eine Notfallzulassung in Großbritannien erhalten haben, Sanofi, CureVac, Novavax, Johnson & Johnson usw.), als wirksam sowie nebenwirkungsarm erweist und somit ebenfalls bald auf den Markt kommen sollte, was die Impfkapazitäten weiter erhöhen würde.

Allerdings wird es „nach hinten heraus“ für jeden weiteren Impfstoff vermutlich immer schwieriger, ein beschleunigtes Zulassungsverfahren zu erhalten. Rechnet man jedoch für alle Vakzine, die sich aktuell in Phase-3-Studien befinden oder bereits eine Zulassung erhalten haben, die angekündigten Produktionskapazitäten für das laufende Jahr 2021 zusammen, dann würden insgesamt mehr als 13 Milliarden Impfdosen zur Verfügung stehen. Einige Impfstoffe werden zwar mit zwei Dosen verabreicht, doch der Großteil der Weltbevölkerung könnte somit theoretisch geimpft werden.

Ist mit signifikanten Produktionsproblemen oder Unterbrechungen der Lieferketten zu rechnen?
Die Themen der Impfstoff-Produktion, Lieferketten, Distribution der Impfdosen usw. dürften - trotz der immensen logistischen Herausforderungen - in den meisten Ländern weitestgehend gemeistert werden (auch wenn es dafür natürlich nie eine Garantie gibt). Von daher stand die georderte Anzahl der Impfdosen an den jeweiligen Impfzentren für gewöhnlich rechtzeitig zur Verfügung. Bedauerlich ist dagegen, dass dann - trotz der langen Vorlaufzeit - der Impfvorgang selbst oftmals nur schleppend anlief. Einige Länder demonstrieren jedoch, dass ein deutlich höheres Tempo möglich ist. Deswegen ist davon auszugehen, dass trotz des holprigen Starts in manchen Ländern bald ein stärkeres Momentum vorherrscht.

Gibt es weitere Nadelöhre in dem ganzem Impfprozess?
Ein Nadelöhr dürfte - zumindest zu Beginn des Impfprogramms - der eigentlichen Impfvorgang in Alten- und Pflegeheimen darstellen. Hierfür muss beispielsweise genügend Personal zur Verfügung stehen. In Pflegeheimen müssen Impfteams vor Ort die Vakzination durchführen, was sich u.a. zeitaufwendiger gestaltet als in einem Impfzentrum. Noch schwieriger wird der Vorgang bei zu pflegenden Personen, die von Angehörigen zu Hause betreut werden.

Auf welchem Niveau befindet sich die natürliche Immunität?
Die natürliche Immunität wird bspw. in den USA bisher auf einen sehr niedrigen zweistelligen Prozentsatz taxiert. Zwar gibt es vereinzelt Fälle, bei denen sich nach einer vorherigen Corona-Infektion eine Corona-Neuinfektion ereignet hat, diese stellen nach bisherigem Kenntnisstand jedoch eher Ausnahmen als die Regel dar.

Allerdings könnten Virusmutationen eine erneute Infektion wahrscheinlicher machen und somit die natürliche Immunität verlangsamen. Die natürliche Immunität ergänzt den Schutz durch die Vakzine (z.B. dürften auch viele geimpft werden, die bereits eine Infektion durchlaufen haben, ohne davon zu wissen. Mit einem Antikörpertest könnte der Tatbestand zwar vorab überprüft werden, dies dürfte jedoch an mangelnden Test-/Laborkapazitäten und den Kosten scheitern.). Sie trägt aber auf Monate nicht entscheidend bei, um den Pandemieverlauf abzubremsen oder gar zu stoppen – von daher ist eine umfangreiche Impfkampagne nötig, damit die Herdenimmunität erreicht wird.

Wie viel Prozent der Menschen müssen geimpft werden, um eine Herdenimmunität zu erreichen?
Aufgrund der fehlenden Erfahrungswerte mit dem neuen Virus lässt sich hier ad hoc kein seriöser Prozentsatz nennen. Die Mindestannahmen liegen bei rund 60%. Da sich das neue Corona-Virus aber sehr leicht über Aerosole überträgt, dürfte der erforderliche Prozentsatz deutlich höher liegen. Beispielsweise wurde die Herdenimmunität gegen Masern (ein hoch ansteckendes Virus, welches sich über Tröpfcheninfektion übertragen kann) erst mit einer Durchimpfungsrate von über 95% der Bevölkerung erreicht. Zwar gibt es seitdem keine Massenausbrüche der Infektionskrankheit mehr, dennoch erfolgen bekanntermaßen selbst in Deutschland jedes Jahr Masern-Neuinfektionen bei Menschen, die nicht geimpft worden sind (siehe u.a. „Masernpartys“).

Wie viele Menschen werden sich einer Impfung verweigern?
Umfragen zufolge sind in den USA etwa 25% der Bevölkerung nicht bereit, sich impfen zu lassen. In Deutschland liegt die Zahl derzeit wohl in einem ähnlichen Bereich. Hier dürfte seitens des Staates wohl vermutlich noch vermehrt Aufklärung betrieben werden, um die Impfbereitschaft zu erhöhen. Viele wünschen sich daher als vertrauensbildende Maßnahme, dass sich bspw. die Bundeskanzlerin, federführende Virologen oder auch der BioNTech-Gründer Şahin öffentlichkeitswirksam impfen lassen würden.

Zudem können auch ohne staatlichen Impfzwang weitere Maßnahmen ergriffen werden, um die Impfquote zu erhöhen (Flüge, Zugfahrten, Urlaubsaufenthalt im Inland/Ausland usw. z.B. nur noch mit Impfnachweis erlaubt).

Viele Fragen sind weiterhin offen
Alles in allem gibt es aber auch viele Lichtblicke. Seien es die enormen Fortschritte in der Wissenschaft oder der unermüdliche Einsatz so vieler Menschen allein schon im Rahmen dieser Pandemie! Mehr als ein Lichtblick ist u. E. zudem folgender „Chart der Hoffnung“:

Chart der Hoffnung - Prognostizierte Verlauf der Immunitätsrate bezüglich SARS-CoV-2

Grafik: Stimmungsindikatoren kurzfristig sehr optimistisch

Quelle: World Bank, Deutsche Bank, Unternehmens- und Regierungs-Meldungen

Viele Faktoren beeinflussen den Kurvenverlauf stark: Erfolgsraten der Impfstoffe, Einhaltung der Zeitpläne und Distributionsketten etc. Der Chart berücksichtigt jedoch noch nicht die neuesten Virus-Mutationen, die sich deutlich schneller verbreiten und damit die Kurven abflachen (d.h. Erreichung der Schwellen zu einem späteren Zeitpunkt).

Fazit

Fazit

Auch wenn sich das Erreichen der Herdenimmunität in vielen Ländern wohl nicht vor der zweiten Jahreshälfte einstellen wird, ist dies u. M. nach eher das Sekundärziel. Primär ist vor allem der Schutz der Risikogruppen wichtig, denn hier können die Schäden durch eine SARS-CoV-2-Infektion überproportional negative Folgen haben, was somit das Gesundheitssystem überlasten könnte.

Trotz zahlreicher Unwägbarkeiten, weswegen die Simulation in der Summe auch entsprechend „konservativ“ gerechnet ist, zeigt der Chart eindrucksvoll, wie schnell die Beschäftigten im Gesundheitswesen und der Großteil der Risikogruppen (inklusive weitere begleitende Maßnahmen wie bspw. permanente Testung von Bewohnern, Besuchern und Personal in Pflegeheimen sowie das Tragen von FFP2-Masken vor Ort etc.) durch die Impfprogramme geschützt werden können, wodurch die Mortalitätsrate zeitnah absinken wird. Das wiederum sollte dann eine beginnende „Normalisierung“ zur Folge haben. Darüber hinaus gibt es auch Fortschritte bei den Therapeutika gegen das Virus. Ein ausreichend wirksames Arzneimittel würde die Rate der schweren Erkrankungen reduzieren und könnte somit ebenfalls zu einer Normalisierung beitragen.


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Grafik: Stimmungsindikatoren kurzfristig sehr optimistisch
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