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EZB ändert nach fast 20 Jahren ihre Strategie

09.07.2021

  • EZB führt symmetrisches Inflationsziel von 2% ein
  • Künftig werden auch Klimaziele verfolgt
  • Neue Strategie gibt EZB mehr Flexibilität
  • An lockerer Geldpolitik dürfte noch länger festgehalten werden

Strategieüberprüfung wurde überfällig
Die EZB hat ihre Strategie überarbeitet. Das war überfällig, denn die letzte Überarbeitung fand vor fast 20 Jahren in 2003 statt. Die neue Strategie ist das Ergebnis einer Überprüfung, die schon am 23. Januar 2020 eingeleitet wurde. Viele andere Notenbanken haben ihre Ziele angepasst. Manche haben einen Inflationskorridor gezogen, andere haben sich ein durchschnittliches Ziel (Fed) gegeben. Die japanische Notenbank verfolgt ein Renditeziel. Die EZB wollte die neue Strategie erst im September vorstellen, war jetzt aber früher fertig. Der Beschluss im EZB-Rat erfolgte einstimmig.

Neuer geldpolitischer Rahmen
Kernstück der neuen Strategie ist ein neues Inflationsziel. Die EZB hebt ihr Ziel von unter, aber nahe 2,0% auf glatt 2,0% an. Es soll künftig symmetrisch behandelt werden. EZB-Chefin Lagarde betonte, dass das neue Ziel klar und leichter zu kommunizieren sei. Ein anhaltendes Abweichen vom Ziel verlange entschiedenes Handeln. Es soll kein durchschnittliches Ziel sein wie in den USA. Folgende Änderungen gab es darüber hinaus:

  • Die EZB betont, dass der reale Gleichgewichtszins zurückgegangen ist und sich der Spielraum für die Zentralbanken verringert habe. Angesichts des Erreichens der effektiven Zinsuntergrenze wird auf Instrumente wie Forward Guidance, Wertpapierkäufe und längerfristige Refinanzierungsgeschäfte zurückgegriffen. Der EZB-Rat möchte in Zukunft flexibler reagieren und bei Bedarf neue geldpolitische Instrumente in Betracht ziehen, um Preisstabilität zu erreichen.
  • Die Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum sollen künftig in der Inflation berücksichtigt werden. Dadurch dürfte die Inflation um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte höher ausfallen. Bis Eurostat dies zur Verfügung stellt, wird noch einige Zeit vergehen.
  • Die EZB möchte in Zukunft auch Klimaziele verfolgen. In Zukunft möchte sie weniger Anleihen von Unternehmen kaufen, die überdurchschnittlich viel CO2 ausstoßen. Bisher orientiert sich die EZB am Volumen ausstehender Unternehmensanleihen.

Folgen für die Geldpolitik
Da das neue Preisziel keine Obergrenze mehr darstellt, kann die EZB ihre ultra-expansive Geldpolitik noch länger fortsetzen als mit dem bisherigen Ziel. Mit dem neuen Ziel erhält sie somit mehr Flexibilität. Alles in allem läuft die neue Strategie darauf hinaus, dass die EZB ihre Leitzinsen nicht bereits dann anhebt, wenn sich mittelfristig eine Inflationsrate von 2% abzeichnet. Stattdessen dürfte sie in Zukunft erst handeln, wenn ein vorheriges Unterschießen des Inflationsziels von 2% zumindest teilweise durch ein Überschießen ausgeglichen wird. Damit rückt ein Ende der sehr lockeren Geldpolitik in noch weitere Ferne; das ist im Interesse der hochverschuldeten Staaten. Es birgt jedoch das Risiko, dass es in ein paar Jahren zu gefährlichen Blasen an den Finanz- und Immobilienmärkten kommen kann.

Auch bezüglich Klimaaspekten gab es eine zukunftsgerichtete Information. Bisher orientiert sich die EZB bei den Käufen am Volumen ausstehender Unternehmensanleihen, und CO2-intensive Unternehmen bzw. Industrien tendieren dazu, mehr Anleihen zu emittieren. Diese Verzerrung, die sich übrigens auch bei den von der EZB akzeptierten Sicherheiten zeigt, will die EZB in Zukunft vermindern. Sie will im kommenden Jahr Vorschläge für eine klimagerechtere Aufteilung ihrer Käufe von Unternehmensanleihen vorstellen.

Marktreaktion und Ausblick
Größere Marktreaktionen blieben aus, da die neuen Ziele der EZB größtenteils bekannt waren und es keine echten Überraschungen gab. Die Inflationsrate dürfte bis zum Jahresende im Euroraum auf über 2,5% ansteigen. Mit dem neuen Ziel muss sich die EZB nicht rechtfertigen, nicht entsprechend zu handeln. Wir rechnen damit, dass das Corona-Hilfsprogramm PEPP im Herbst sogar noch einmal um 250 Mrd. Euro erhöht wird. Die erste Zinserhöhung erwarten wir nicht vor 2024. Die Renditen werden seit langem durch die Anleihekäufe (Beginn 2015) und die höhere Nachfrage künstlich niedrig gehalten. Das wird darin ersichtlich, dass die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen seitdem überwiegend unter die Inflationsrate gerutscht ist, davor lag sie über dem Verbraucherpreisanstieg. Durch den Wegfall des PEPP und der konjunkturellen Erholung dürften die Renditen auch im Euroraum ansteigen. Die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen dürfte spätestens im nächsten Jahr wieder die 0%-Marke übersteigen. Die EZB wird aber aufgrund der gestiegenen Staatsverschuldung darauf achten, dass die Renditen nicht zu kräftig nach oben gehen.

Grafik: Stimmungsindikatoren kurzfristig sehr optimistisch

Der Euro stärkte sich nach der Präsentation der neuen Strategie. Das liegt wohl daran, dass die EZB jetzt klar anerkennt, dass es für die Zinsen eine Untergrenze gibt und weitere Zinssenkungen kaum noch möglich sind. Die Erholung fiel aber nicht sehr kräftig aus. Insgesamt entfernen sich die EZB und Fed voneinander. Es wird immer klarer, dass die Fed die Zinsen lange vor der EZB erhöhen dürfte. Von der Seite bleibt der Euro belastet. Das Vertrauen in den Euro ist aber durch die Krise deutlich gestiegen und das dürfte ihn unterstützen. Wir bleiben beim Votum neutral für den USD-Dollar.

Fazit

Fazit

Durch die neue Strategie dürfte die EZB im Zweifel noch länger an ihrer ultra-expansiven Geldpolitik festhalten als bisher erwartet. Die EZB kann flexibler reagieren. Weitere Zinssenkungen scheinen kaum mehr möglich. Deshalb greift die EZB auf Instrumente wie Forward Guidance, Wertpapierkäufe und längerfristige Refinanzierungsgeschäfte zurück. Die Renditen dürften zwar perspektivisch ansteigen, Staatsanleihen im Euroraum bleiben aber noch lange Zeit unattraktiv. Für den US-Dollar bleiben wir bei neutral. Die Strategieänderung der EZB stützt den Euro, da Zinsänderungen kaum mehr möglich sind. Die Aussicht auf eine noch längere expansive Geldpolitik belastet jedoch den Euro.


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Grafik: Stimmungsindikatoren kurzfristig sehr optimistisch
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UnitedHealth Group, WKN – 869561
Votum Starker Kauf geändert am 13. Oktober 2020
Votum Kein Votum geändert am 12. Oktober 2020

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