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Sorgen um Zahlungsfähigkeit von China Evergrande belasten die Börsen

22.09.2021

  • China Evergrande Zahlungsunfähigkeit?
  • Arbeit an Schuldenrestrukturierung läuft an
  • China kämpft gegen zahlreiche Ungleichgewichte an
  • Bestätigung unseres neutralen Votums für China

Sorge um China Evergrande belastet die Börsen
Der mit umgerechnet 313 Mrd. USD (rd. 2% des chinesischen BIP) verschuldete und von Zahlungsausfällen bedrohte größte chinesische Immobilienentwickler China Evergrande (Marktanteil: 4–5 Prozent; landesweit rund 1.300 Immobilienprojekte in Entwicklung) sorgt zunehmend für Sorgenfalten bei den Anlegern.

Die Aktie von China Evergrande ist seit Anfang des Jahres 2021 um 85 Prozent eingebrochen und weist nur noch eine vergleichsweise geringe Marktkapitalisierung von 3,87 Mrd. USD auf. Evergrande ist eigentlich ein Konglomerat, das unter anderem im Mineralwasser- und Lebensmittelmarkt vertreten ist, aber auch Vergnügungsparks und Elektroautos baut sowie zudem Versicherungen, Gesundheitsdienstleistungen und Digitalgeschäfte anbietet.

Die besorgniserregend hohe Verschuldung und die damit in Verbindung stehenden Liquiditätsnöte haben China Evergrande zum zweiten Mal binnen weniger Tage veranlasst, Bondgläubiger vor drohenden Verlusten zu warnen. Kurzfristig dürfte das operative Geschäft „in schwerem Fahrwasser“ bleiben; die Vertragsverkäufe könnten im September 2021 aufgrund der prekären Situation deutlich zurückgehen, was negative Auswirkungen auf den Cashflow und somit auf die Liquidität haben dürfte. Daher rechnen einige Ratingagenturen und Analysten damit, dass das Unternehmen unmittelbar vor einem „Default“ (Zahlungsausfall) bei der Bedienung der Anleiheschulden stehen könnte.

Evergrande arbeitet an Umschuldung
Laut Aussagen von Evergrande muss es nun zu einer substanziellen Umschuldungsaktion kommen, um die operativen Geschäfte weiterführen zu können. China Evergrande heuerte hierzu ein Spezialteam von Finanzberatern und Spezialisten für Schuldenrestrukturierungen an, um die Dinge möglichst schnell wieder ins Lot zu bringen. Evergrande-Verwaltungsratschef Hui Ka Yuan wandte sich gestern mit zuversichtlichen Worten an die Öffentlichkeit und sagte, dass Evergrande seine Verpflichtungen gegenüber den Immobilienbesitzern, Investoren, Partnerfirmen und Banken erfüllen werde. Laut der Ratingagentur Fitch wäre ein Zahlungsausfall bei China Evergrande für das Bankensystem im Reich der Mitte zu verkraften.

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Zinsfälligkeiten in dieser Woche
In dieser Woche werden bei zwei Evergrande-Anleihen Zinszahlungen in Höhe von insgesamt 130 Mio. USD fällig. Ein Zahlungsausfall wird jedoch erst dann offiziell, wenn Evergrande die Nachfrist von 30 Tagen verstreichen lässt. Gespräche mit Banken über ein eventuelles Zinsmoratorium und/oder über eine mögliche Verlängerung von Darlehen laufen.

Heute verkündete eine Tochter von Evergrande, die Hengda Real Estate Group, dass sie eine Anleihekuponzahlung in Höhe von umgerechnet knapp 31 Mio. Euro auf eine im September 2025 fällige 5,8-prozentige Anleihe fristgerecht zahlen wird.

Evergrande ist der größte asiatische Emittent von High-Yield-Dollar-Bonds; derzeit steht ein Volumen von rd. 19 Mrd. USD aus. Die Ratingagenturen rechnen derzeit im Schnitt mit einem Schuldenschnitt („Haircut“) von 75% bei Anleihegläubigern. Hauptgläubiger sind vor allem heimische Großbanken wie die Industrial and Commercial Bank of China, die Agricultural Bank of China sowie die China Minsheng Bank.

Insgesamt hat Evergrande Kredite bei 128 zumeist chinesischen Banken ausstehen, dazu bei 121 Instituten, die nicht dem Finanzsektor angehören. Das direkte Exposure ausländischer Banken ist nach dem derzeitigen Kenntnisstand offenbar „überschaubar“. In Summe hat der chinesische Immobiliensektor sich nur zu 4,5 Prozent über den Offshore-Bondmarkt finanziert.

Evergrande verfügt über eine Reihe von werthaltigen Assets, die verkauft werden können. Das Unternehmen hat beispielsweise durch die Börsennotierung seiner Immobilienverwaltungseinheit in Hongkong 1,8 Mrd. USD eingenommen und durch den Verkauf eines Anteils seiner Elektroautofirma 3,4 Milliarden USD erlöst.

Evergrande hatte vor kurzem bekanntgegeben, dass man Investoren, die Vermögensverwaltungsprodukte von Evergrande gekauft haben, mit Immobilien auszahlen wolle. Laut Schätzungen stehen derzeit Vermögensverwaltungsprodukte von umgerechnet 5,3 Milliarden Euro aus, die oftmals von Kleinanlegern gehalten werden.

Chinas Regierung hält sich weiter bedeckt
Obwohl die prekäre finanzielle Situation bei China Evergrande zuletzt zu Protestaktionen von aufgebrachten Wohnungskäufern und Investoren am Firmensitz in Shenzhen geführt hatte, hält sich in diesem Fall die chinesische Regierung weiterhin recht bedeckt.

Mehrheitlich gehen die Investoren allerdings nach wie vor davon aus, dass der in Finanznot geratene Immobilienentwickler nicht fallen gelassen wird, da die negativen Auswirkungen auf den Immobilienmarkt und somit auch auf einige Banken und auf die Konjunktur zu groß sein könnten. Eine weltweite Systemkrise wie bei Lehman Brothers erwarten die meisten Investoren derzeit nicht. Aller Voraussicht nach dürfte es zu einem geordneten Umschuldungsverfahren kommen.

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Regierung will Verschuldungsexzess korrigieren
Dass sich die Regierung in Peking aber bislang mit Worten und Taten weitgehend zurückhält, ist unseres Erachtens ein weiteres Indiz dafür, dass China bereit ist, die Verschuldungsexzesse der vergangenen Jahre vor allem im Immobiliensektor zu korrigieren. Der kreditfinanzierte Expansionsdrang könnte durch möglicherweise steigende Refinanzierungskosten auch bei vielen anderen Firmen aus der Branche ausgebremst werden.

Da Chinas Immobiliensektor mit seinen angrenzenden Bereichen laut Schätzungen rund ein Viertel des chinesischen Bruttoinlandsprodukts ausmacht, hätte ein deutlich geringeres Wachstum in diesem Bereich auch spürbare konjunkturelle Auswirkungen auf den Binnenkonsum und somit - über ein geringeres verfügbares Einkommen der chinesischen Haushalte - auch auf die Weltwirtschaft. Interessenvertreter u.a. aus der deutschen Autoindustrie haben daher jüngst schon lautstark vor einer möglichen Pleite von China Evergrande gewarnt. Nach den USA ist China der zweitwichtigste Absatzmarkt für Produkte aus Deutschland. Im Jahr 2020 wurden Waren im Wert von 96 Milliarden Euro ins Reich der Mitte verkauft.

Chinas Immobilienmarkt gilt in Teilen als überhitzt
Die aktuelle schwierige Finanzsituation von Evergrande trifft auf einen Immobilienmarkt, der in Teilbereichen als überhitzt gilt. Daher hatte die chinesische Regierung finanzpolitische Maßnahmen ergriffen (sogenannte drei rote Linien), um den Anstieg der Immobilienpreise zu drosseln. China Evergrande hatte im ersten Halbjahr 2021 alle drei roten Linien gerissen. Auch andere Immobilienentwickler wie Country Garden Holdings oder China Vanke scheiterten an zumindest einer roten Linie.

Im August 2021 verzeichneten die Preise für neue Wohnimmobilien den geringsten Anstieg seit acht Monaten. Das Gesamtvolumen der Immobilienkäufe sank im Berichtsmonat auf Vorjahresbasis um nahezu 20 Prozent. Laut dem Basisszenario einer Analystenstudie könnten die Verkäufe von Immobilien und die Neubaubeginne im zweiten Halbjahr 2021 um 8 bis 10 Prozent (J/J) sinken.

Chinas Kampf gegen Ungleichgewichte
Aufgrund der in den vergangenen Jahren stark gestiegenen Immobilienpreise kommt der Erwerb einer Wohnung für immer mehr Chinesen einer Herkulesaufgabe gleich. Nicht selten stecken die Ersparnisse von mehreren Familienmitgliedern in einer Immobilie. Die Vermögensungleichverteilung hat in China nun offenbar so starke Ausmaße angenommen, die ohne substanzielle Korrekturen zu sozialpolitischen Verwerfungen und zu Unruhe in der Bevölkerung führen könnten.

Auch in anderen Bereichen, wie beispielsweise in der Bildung, ist es über die Jahre zu spürbaren Ungleichgewichten gekommen, weshalb die Regierung unlängst auch hier gegensteuerte, um nicht nur den vermögenderen Leuten eine gute Bildung für ihr Kind zu ermöglichen.

Andere Bereiche wie das Internet, die Online-Gaming-Industrie oder die Spielkasino-Branche stehen ebenfalls im Regulierungs- oder Beobachtungsfokus, um – aus Sicht der Regierenden – Fehlentwicklungen zu korrigieren und das Gemeinwohl und somit eine möglichst breite Partizipation weiter Bevölkerungsschichten am stark gestiegenen Wohlstand im Reich der Mitte wieder in den Vordergrund zu rücken.

Chinas Verschuldung deutlich gestiegen
Auf der Makroebene sieht das Bild in Bezug auf die Verschuldung nicht anders aus. Nach einer Konsolidierungsphase ist Chinas Inlandsverschuldung zuletzt auf rekordhohe 290 Prozent im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt gestiegen. Die zusätzlichen Ausgaben zur Bekämpfung der negativen konjunkturellen Folgen durch die Coronapandemie haben hierzu zuletzt beigetragen.

Während die Schuldenquote vergleichbar mit der in den USA oder der Eurozone ist, sieht es auf der Subebene anders aus. Die Verschuldung des chinesischen Unternehmenssektors beläuft sich auf hohe 160 Prozent des BIP (USA: 85%; Eurozone: 115%).

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Chinas Aktienmarkt weiter in schwierigem Fahrwasser
Kurzfristig dürfte der chinesische Aktienmarkt noch in einem schwierigen Fahrwasser bleiben. Neben dem aktuell gravierenden Thema Evergrande schwelt im Hintergrund weiterhin das Thema Regulierung. Hier könnte es jederzeit neue Ankündigen oder Maßnahmen geben, die auf der Unternehmens- oder Sektorenebene für Unruhe sorgen könnte. Hinzu kommt die sich derzeit abschwächende Konjunktur sowie die Ungewissheit über die Geldpolitik der US-Notenbank, wo ein „Tapering“ bevorstehen dürfte.

Wegen dieser Belastungsfaktoren haben wir heute auch das Votum für den chinesischen Renminbi von Neutral auf Untergewichten herabgestuft.

Wir bestätigen unsere momentan relativ vorsichtige Haltung in Bezug auf den chinesischen Aktienmarkt und empfehlen innerhalb unseres Regionenrankings weiterhin eine neutrale Positionierung.

Fazit

Fazit

Der hochverschuldete Immobilienentwickler China Evergrande kämpft um sein Überleben. Evergrande arbeitet mit Hochdruck an einer Umschuldung und versucht alles, um das operative Geschäft aufrecht erhalten zu können. Chinas Regierung hält sich bislang relativ bedeckt. Die Regierung will die langjährigen Verschuldungsexzesse im Immobiliensektor korrigieren und andere über die Jahre entstandene Ungleichgewichte unter anderem durch schärfere Regulierungen bekämpfen. Dadurch sollen künftig wieder mehr Menschen am stark gestiegenen Wohlstand teilhaben können. Wir bestätigen unsere momentan relativ vorsichtige Haltung in Bezug auf den chinesischen Aktienmarkt und empfehlen innerhalb unseres Regionenrankings weiterhin eine neutrale Positionierung.


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Autor: André Sadowsky, CEFA

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