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EU verschuldet sich erstmals langfristig und gemeinschaftlich

21.07.2020

  • EU-Regierungschefs einigen sich in letzter Minute
  • … auf ein schuldenfinanziertes Konjunkturpaket
  • Votum für Euro-Peripherieanleihen leicht angehoben
  • Wiederaufbaufonds unterstützt europäische Aktien

EU einigt sich auf 750 Mrd. Euro Hilfspaket
Vier Tage und vier Nächte verhandelten die EU-Regierungschefs bis der Durchbruch gelang: Nachdem Deutschland und Frankreich bereits im Mai einen Vorschlag für einen Wiederaufbaufonds mit Zuschüssen in Höhe von 500 Mrd. Euro für besonders hart von der Coronapandemie getroffenen Länder vorlegten, stand die EU massiv unter Handlungsdruck… und hat nach langem Verhandlungsmarathon geliefert. Die Mitgliedsstaaten verständigten sich auf ein umfassendes Hilfspaket. Kernstück ist ein 750 Mrd. Euro schweres Rettungs-programm für die besonders coronageschädigten Mitgliedsstaaten. Davon entfallen 390 Mrd. Euro auf echte Hilfsleistungen, 360 Mrd. Euro auf rückzahlbare Kredite.

Zuschüsse aus dem Wiederaufbaufonds 2021 und 2022 in Mrd. Euro

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Wichtigste Elemente des Wiederaufbaufonds
Erstmals in der Geschichte der EU hat man sich damit auf ein schuldenfinanziertes Konjunkturpaket geeinigt. Hier die wichtigsten Elemente:

Finanzierung des Fonds
Der Fonds wird über EU-Anleihen mit Laufzeiten bis 2058 finanziert. Die Nettoemissionen sollen bis spätestens 2026 abgeschlossen sein.

Verknüpfung an Reformen
Um Mittel aus dem Paket zu erhalten, müssen die Mitglied-staaten nationale Reform- und Investitionspläne in Brüssel einreichen. Die Pläne müssen erst von der EU-Kommission und vom EU-Finanzministerrat mit qualifizierter Mehrheit ge-nehmigt werden. Die Auszahlung erfolgt abhängig vom Reformfortschritt in dem jeweiligen Land in mehreren Tranchen. Die EU-Kommission wird bis Oktober einen Vorschlag unterbreiten, wie die Investitionsprojekte schnell umgesetzt werden können.

EU-Haushalt
Die EU-Regierungschefs haben einen mehrjährigen Finanzrahmen von 2021 bis 2027 beschlossen. Er hat ein Volumen von 1,074 Bio. Euro (etwa 1,1% der erwarteten Wirtschaftsleitung), gefordert wurden ursprünglich 1,1 Bio. Euro. Die Höhe ist auch für die Bonität der EU-Anleihen wichtig.

Haushaltsrabatte
Zur Erzielung eines Kompromisses dürfen Deutschland (3,7 Mrd. Euro), die Niederlande (1,9 Mrd. Euro), Österreich (0,6 Mrd. Euro), Schweden (1,1 Mrd. Euro) und Dänemark ihre Haushaltsrabatte behalten bzw. sogar erhöhen. Einige Län-der erhalten schon seit mehreren Jahren Rabatte auf den Beitrag zum EU-Haushalt. Dies sollte 2020 auslaufen.

Bedeutende Weichenstellung für Europa
In unseren Augen ist dies eine bedeutende Weichenstellung für die Zukunft Europas: Die EU verschuldet sich erstmals langfristig und macht zudem einen deutlichen Schritt in Richtung Vergemeinschaftung von Staatsschulden. Dies ist ein Zeichen starker Solidarität, das insbesondere bei angelsächsischen Anlegern sehr gut ankommen dürfte. Viele dieser Großinvestoren haben in den vergangenen Jahren einen Bogen um europäische Assets gemacht und waren deutlich untergewichtet. Dies dürfte sich perspektivisch ändern. Zudem dürfte das Hilfsprogramm das Wirtschaftswachstum ab 2021 unterstützen.

Unterstützung für Euro und Spreads
Der Euro hat sich im Vorfeld und während der Verhandlungen auf 1,1450 US-Dollar gestärkt. Sieht man von der Spitze im März ab, ist das der höchste Stand seit Januar 2019. Durch die massiven Zinssenkungen der Fed in Höhe von 150 Bp. in diesem Jahr ist der US-Dollar unattraktiver geworden. Die krisenbedingt hohe Nachfrage hat den US-Dollar trotz der gesunkenen Renditevorteils von US-Treasuries ggü. Bundesanleihen aber noch lange unterstützt. Die geringere Wahrscheinlichkeit einer neuen Euro-Schuldenkrise durch die Vergemeinschaftung der Schulden durch EU-Anleihen und die massiven Käufe der EZB haben den Euro seit Ende Mai unterstützt. Da die Coronakrise aber noch nicht gänzlich vorbei ist, rechnen wir momentan erst einmal mit einer Atempause der Euro-Stärke. Wir belassen daher unser Votum bei neutral. Für eine Untergewichtung des US-Dollars scheint es uns noch zu früh.

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Auch die Risikoaufschläge von Euro- Staatsanleihen ggü. Bundesanleihen haben sich in den letzten Monaten deutlich eingeengt. Die Aussicht auf ein solidarisches Handeln nach der Corona Krise und die EZB-Käufe waren Gründe dafür. Die EZB hat immer wieder betont, gegen eine stärkere Spreadausweitung vorzugehen und den Kapitalschlüssel flexibel zu handhaben. D.h. einzelne Länder wie z.B. Italien werden bei den Käufen bevorzugt. Wir rechnen zudem damit, dass die EZB im Herbst ihr Kaufprogramm noch einmal ausweiten dürfte. Insgesamt scheint uns eine Euro-Staatsschuldenkrise und die Gefahr von größeren Spreadausweitungen weitgehend gebannt. Allerdings gibt es weiterhin Risiken. Der EU-Finanzrahmen und der Wiederaufbaufonds müssen in Gesetzestext gegossen und von den nationalen Parlamenten abgestimmt werden. Von daher sind Peripherie-Anleihen kein eindeutiger Kauf, eignen sich aber zur Diversifikation.

Einigung unterstützt europäische Aktien
Für den Dax und seine europäischen Pendants spricht, dass die Einigung über den EU-Wiederaufbau-Fonds für eine positive Stimmung unter den internationalen Anlegern sorgt. Die politischen Zwistigkeiten und die anhaltende Sorge internationaler Anleger hinsichtlich eines möglichen Auseinanderbrechens der EU hatten lange für Abflüsse und Zurückhaltung gesorgt. Hier ist in den vergangenen Wochen eine Wende zu erkennen, die sich nun fortsetzten sollte.

Zu-/Abflüsse der 13 größten in den USA kaufbaren Europa-ETFs

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Damit sind die Chancen gestiegen, dass sich die jüngste Outperformance Deutschlands und des Euroraums noch etwas fortsetzen kann. Das Zusammenspiel fiskalpolitischer Hilfen mit den monetären Unterstützungsmaßnahmen der EZB ist dabei ein wichtiges Argument.

Fazit

Fazit

Die EU verschuldet sich erstmals langfristig und macht zudem einen deutlichen Schritt in Richtung Vergemeinschaftung von Staatsschulden. Dies ist ein Zeichen starker Solidarität, das insbesondere bei angelsächsischen Anlegern sehr gut ankommen dürfte. Die geringere Wahrscheinlichkeit einer neuen Euro-Schuldenkrise durch die Vergemeinschaftung der Schulden durch EU-Anleihen und die massiven Käufe der EZB haben den Euro unterstützt. Nach der Aufwertung der letzten Wochen belassen wir unser Votum bei neutral. Für eine Dollaruntergewichtung scheint es uns noch zu früh. Wir werden insgesamt für Anleihen aus der Euro-Peripherie optimistischer und heben unser Votum von Verkaufen auf Halten an. Euro-Staatsanleihen eignen sich damit zur Diversifikation. Bei Aktien steigt mit der Einigung die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Outperformance von Deutschland und dem Euroraum noch etwas fortsetzen kann.


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Verantwortlich: Chris-Oliver Schickentanz, CEFA
Autoren: Martin Hartmann, CEFA, und Andreas Wex, CEFA

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Angaben zur bisherigen Wertentwicklung erlauben keine verlässliche Prognose für die Zukunft. Die Wertentwicklung kann durch Währungsschwankungen beeinflusst werden, wenn die Basiswährung des Wertpapiers/ Index von EURO abweicht.