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Bundestagswahl als Risikofaktor? Eher nicht…

21.09.2021

  • Der Ausgang der Bundestagswahl ist so offen wie lange nicht mehr
  • Koalitionsverhandlungen könnten sich bis ins Jahr 2022 hinziehen
  • Mit der Ausnahme einer Rot-Grün-Roten Koalition, dürf-ten sich die Auswirkungen auf der Indexebene in Grenzen halten
  • Globale Konjunkturentwicklung für Dax und Co. zunächst wichtiger als der Wahlausgang

Die Wahl - ein Faktor von mehreren
Bei der Beurteilung der Aussichten für den deutschen Aktienmarkt in den kommenden Wochen fallen einem neben den diversen positiven Treibern, wie der stärker als erwartet ausfallenden Entwicklung der Unternehmensgewinne und der insgesamt weiterhin doch recht robusten Konjunktur auch diverse Risikofaktoren auf.

Hier stehen vor allem „klassische“ Belastungsfaktoren, wie die sich abzeichnende nachlassende Konjunkturdynamik, die immer noch nicht günstige Bewertung, die konjunkturellen Sorgen beim wichtigen Absatzmarkt China, eine weniger expansive Geldpolitik der Notenbanken oder die anhaltenden geopolitischen Spannungen zwischen den USA und China im Fokus. Allerdings häufen sich auch die Fragen nach der Wirkung der Bundestagswahl.

Rot-Grün-Rot als potenzieller Belastungsfaktor
Tatsächlich hätten wir bis vor wenigen Wochen die Wahl auf der Indexebene als „non-Event“ eingestuft. Die jüngsten Entwicklungen bei den Wahlumfragen lassen aber nicht nur die Spannung über den Ausgang, sondern auch das Risiko für den Aktienmarkt steigen.

Um nicht lange um den heißen Brei herumzureden: Die zunehmende Wahrscheinlichkeit eines Rot-Grün-Roten Bündnisses lässt den ein oder anderen Börsianer nervös werden.

Es läuft auf eine Drei-Parteien-Koalition hinaus
Die Umfragen deuten darauf hin, dass sich die Nation in einer ziemlich einmaligen Situation befindet. Nach dem gescheiterten Versuch der Bildung einer 3er-Koalition vor 4 Jahren, was dann bekanntlich doch wieder zu einer großen Koalition führte, dürfte es diesmal nicht nur einen neuen Versuch einer Koalition aus drei Parteien geben, sondern sie könnte unumgänglich sein. Richtet man sich nach den letzten Wahlumfragen, dürfte es wohl für kein wie auch immer geartetes Zweier-Bündnis reichen.

Und damit wird es interessant. Da die beiden wohl stimmenstärksten Parteien SPD und CDU/CSU neben den quasi gesetzten Grünen einen weiteren Partner brauchen werden, zeigt der Blick in die Wahlprogramme (nehmen wir diese mal für bare Münze), dass es schwierig werden könnte, ausreichende Überschneidungen oder zumutbare Kompromisse zu finden. Heiße Kämpfe dürfte es z.B. in der Steuerpolitik geben. Hier streben die SPD und die Grünen Steuererhöhungen für „Besserverdienende“ an, während der mögliche Koalitionspartner FPD diese strikt ausschließt. Ähnliches gilt für Fiskalpolitik und die Schuldenbremse, wo die Einstellungen deutlich differieren.

Allein aus Sicht der Umfragen deutet sich eine Koalition aus SPD, Grünen und der FDP an. Inhaltlich sind allerdings noch ein paar große Hürden zu nehmen, so dass die Verhandlungen kein Selbstläufer werden dürften.

Als Alternative bietet sich je nach Wahlausgang eine Koalition aus CDU/CSU, Grünen und der FDP an. Aber auch hier würden die Verhandlungen nicht leichter werden, da auch die FDP im Vorfeld recht klare Forderungen formuliert hat. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass die Partei möglicherweise in eine Zwickmühle geraten könnte. Sie könnte „gezwungen“ sein, in ein Bündnis mit der SPD und den Grünen einzutreten, um das Schreckgespenst ihrer Klientel, das Rot-Grün-Rote Bündnis, zu verhindern.

Aber egal welche Koalitionsoptionen mit welchen vermeintlichen inhaltlichen Schwerpunkten sich aus den abgegebenen Stimmen ergeben; es wird auch spannend sein zu sehen, wie sich nach der Wahl die Strömungen innerhalb der jeweiligen Parteien entwickeln. Hier sind insbesondere die Grünen und die SPD zu beobachten.

Neue Regierung wohl erst im Jahr 2022? Auch kein Problem.
Die oben angedeuteten inhaltlichen Differenzen und auch die Möglichkeit, dass parallel über verschiedene Koalitionen verhandelt wird, dürften dafür sorgen, dass es in diesem Jahr wohl nicht mehr zu einer Regierungsbildung kommt. Das muss für den Aktienmarkt nicht von Nachteil sein. Auch nach den Wahlen im Jahr 2017 hat es bis März 2018 gedauert, bis die Koalitionsverhandlungen abgeschlossen waren. Dem Markt hat das nicht geschadet. Davon gehen wir auch dieses Mal aus. Die konjunkturelle Situation dürfte insgesamt vorteilhaft bleiben, so dass eine geschäftsführende Regierung auf Autopilot vor keinen größeren Problemen stehen sollte.

Welche Koalition bevorzugt „der Markt“?
Wir erwarten auf der Indexebene keine nachhaltigen Verwerfungen für die meisten Koalitionskombinationen. Mit einer Ausnahme: Eine Koalition aus SPD, Grünen und der Partei „Die Linke“ dürfte am Markt zu einem kurzfristigen Schock führen. Man erinnere sich an die Wahl 1998, als der DAX den Machtwechsel von CDU/FDP zur SPD/Grünen mit Rückgängen quittierte. Nach einem Monat war das Vorwahlniveau allerdings auch wieder erreicht. Einen historischen Vergleich für eine Rot-Grün-Rote Koalition gibt es allerdings nicht.

Wir erwarten auch dieses Mal, dass sich die Kurse nach einem ordentlichen Schrecken zunächst wieder erholen und es so zu einer Einstiegsgelegenheit auf die mittlere Sicht käme. Die möglichen längerfristigen Folgen einer derartigen Regierungskoalition (Steuererhöhungen, steigende Staatsverschuldung, erwartbare stärkere Regulierung mit Belastungen für das Unternehmertum in Deutschland) würden sich dann erst später zeigen. Hier würden wir das Bonmot zitieren, nach dem „Wahlausgänge kurzfristig über- und langfristig unterschätzt“ werden.

Bei allen anderen Koalitionen steht u.E. das Wahlprogramm der Grünen im Fokus. Der Blick des Aktienmarktes richtet sich im Wesentlichen auf folgende Aspekte:

  • An vorderster Stelle steht - natürlich - die Thematik des Klimaschutzes und seine potenziellen Gewinner und Verlierer.
  • Die Forderung nach höheren Mindestlöhnen und damit verbunden die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen bzw. die Auswirkungen auf Gewinne und Margen.
  • Die Finanzierung der geplanten Programme und höheren Investitionen des Staates durch höhere Steuern und die Frage nach der zukünftigen Ausgestaltung der Schuldenbremse.
  • Forderungen nach einer stärkeren Regulierung des Wohnungsmarktes in Deutschland

Welche Teile des Wahlprogrammes tatsächlich umgesetzt werden können, hängt dabei natürlich wesentlich von der tatsächlichen Konstellation der neuen Regierungskoalition ab.

Hier könnten durchaus „unterschiedliche Welten“ aufeinanderprallen, was die Kompromissfindung erschweren dürfte. So gibt es zu den oben genannten Themen wie bereits erwähnt sehr unterschiedliche Vorstellungen der einzelnen Parteien.

Der Bundesrat redet auch noch mit!
Was die Umsetzung künftiger Vorhaben der neuen Regierungskoalition angeht, ist allerdings auch die zukünftige Konstellation im Bundesrat von Bedeutung. Aktuell ist so, dass die nächste Bundesregierung keine Mehrheit im Bundesrat haben wird und darum bei vielen Vorhaben einen Kompromiss mit einem Teil der Opposition suchen muss. Dies könnte insbesondere die Pläne einer Koalition aus Grünen, SPD und Linkspartei stark beeinträchtigen.

Globale Konjunkturentwicklung als wichtigster Faktor
Wenn man sich der Betrachtung der Auswirkungen der Wahl auf den Aktienmarkt zuwendet, merkt man schnell, dass die Befindlichkeiten des einzelnen Bürgers und die der Marktteilnehmer recht unterschiedlich ausfallen. So ist die Wahl für den wichtigen Käuferkreis der ausländischen institutionellen Anleger kein derart großer Unsicherheitsfaktor, dass sie deswegen auf Käufe verzichten.

Im Gegenteil, die Aussicht auf eine Lockerung/Abschaffung/ Aussetzung der Schuldenbremse in Deutschland und die sehr europafreundliche Positionierung der Grünen, wo z.B. vorgeschlagen wird, den EU-Wiederaufbaufonds als permanente Einrichtung zu etablieren, sorgen für Wohlwollen. Typischerweise wird erwarteter fiskalpolitischer Stimulus insbesondere von den internationalen Anlegern geschätzt und befürwortet. Ob die dann zu erwartenden Investitionen das Wachstum nicht nur kurzfristig anfeuern (und dann über höheren Schuldenberg mit den entsprechenden Zins- und Tilgungszahlungen sogar negativ wirken) sondern auch längerfristig, hängt stark davon ab, ob es der jeweiligen Regierung gelingt, diese in wachstumsfördernde Initiativen zu leiten.

So bleibt der Haupttreiber für den DAX zunächst die Entwicklung der globalen Konjunktur. Schließlich erzielen die Dax-Unternehmen fast 80% ihres Umsatzes außerhalb Deutschlands. Diese Berechnung fußt zwar noch auf der Zusammensetzung des DAX mit 30 Titeln, dürfe aber auch nach der gerade erfolgten Erweiterung auf 40 Titel grundsätzlich Bestand haben. Aktuell wird zudem eher die konjunkturelle Entwicklung in China einen stärkeren Einfluss auf die Kurse haben als der Ausgang der Bundestagswahl.

Auswirkungen auf der Branchenebene
Während die Auswirkungen des Wahlausgangs auf den Gesamtmarkt wahrscheinlich nicht sehr groß ausfallen werden, bzw. nur kurz für Volatilität sorgen, könnten die Auswirkungen auf der Branchen- und der Einzelwertebene größer ausfallen.

Auch wenn traditionell im Vorfeld von Wahlen viel gefordert oder versprochen wird und am Ende doch nur ein Bruchteil davon in der Realität ankommt, gibt es dennoch bei den Gewinnern und Verlierern ein paar der üblichen Verdächtigen.

Während Teile des Industriesektors von möglichen Infrastrukturprogrammen profitieren könnten, dürfte eine grüne Regierungsbeteiligung den Chemiesektor eher unter Druck bringen. Hier spielt insbesondere die Frage nach der Ausgestaltung höherer CO2-Steuern eine wichtige Rolle. Ähnliches gilt für die Versorger, wo die Alternativen Energieerzeuger den Vorzug vor den Unternehmen mit konventioneller Energieerzeugung bekommen sollten.

Grundsätzlich sei bei der Einzelwertauswahl vor pauschalen Urteilen gewarnt, denn nicht jeder „grüne Energieversorger, Windkraftprofiteuer oder Bahnzulieferer“ ist auch automatisch ein lukratives Investment, wie der Kursverfall bei dem ein oder anderen Titel in den vergangenen Monaten gezeigt hat.

Zu den „klaren Verlierern“ dürften dagegen zunächst die Sektoren Transport (u.a. Fluglinien, Flughafenbetreiber) aber auch Chemie und – angesichts möglicher Regulierungen am Immobilienmarkt – auch Immobilienwerte gehören. Allerdings muss man auch hier vorsichtig sein, denn die Positionen der Grünen z.B. gegenüber dem Wohnungsmarkt sind nicht neu weshalb der Sektor zu den Underperformern gehört und damit z.T. bereits ein entsprechendes Wahlergebnis eingepreist haben dürfte. Es gibt somit, je nach Wahl- bzw. Koalitionsausgang, evtl. auch positives Überraschungspotenzial.

Fazit

Fazit

Der deutsche Aktienmarkt bleibt vor dem Hintergrund einer auch im Jahr 2022 robust erwarteten globalen konjunkturellen Entwicklung für Anleger interessant. Der Ausgang der Bundestagswahl sollte dem nicht im Wege stehen. Hier dürfte wohl „lediglich“ eine Rot-Grün-Rote Regierungsbildung für Verwerfungen sorgen. Mit allen anderen Konstellationen wird sich der Markt arrangieren können.


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Autor: Andreas Wex, CEFA

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