• Waldsterben: Woran es liegt und was dagegen hilft

Waldsterben: Woran es liegt und was dagegen hilft

Lichte Kronendächer, von Borkenkäfern zerfressene Baumstämme und immer wieder kahle Flächen: Wer mit offenen Augen durch den deutschen Wald spaziert, erkennt sofort, dass er leidet. Stephen Wehner, Geschäftsführer des Bergwaldprojekts, erläutert die vielschichtigen Ursachen für das Waldsterben und zeigt, wie wir alle dazu beitragen können, die Natur zu erhalten.

Herr Wehner, das Bundeslandwirtschaftsministerium zeichnet in der aktuellen Zustandserhebung ein erschreckendes Bild vom deutschen Wald. 2020 war das Jahr mit den meisten abgestorbenen Bäumen seit Beginn der Erhebung. Wie schätzen Sie als Naturschützer die Lage ein?

Die Lage ist tatsächlich dramatisch. Der Zustand des Waldes in Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter verschlechtert. In jüngster Vergangenheit haben den Wäldern insbesondere die heißen Sommer sowie die Trockenheit infolge des Klimawandels zugesetzt. Damit fehlt den Bäumen das Wasser, um sich zu ernähren und sich gegen Schädlinge zu wappnen. Um die richtigen Wege zu finden, dieses Waldsterben zu stoppen, braucht es eine ganzheitliche ökologische Perspektive. Wir müssen dahin kommen, im Einklang mit der Natur zu leben, anstatt ihr weiter zu schaden.

Wie schaden wir der Natur und insbesondere dem Wald?

Noch immer behandeln wir unseren Planeten so, als hätten wir einen zweiten in der Hinterhand. Wir verschmutzen die Umwelt, verbrauchen mehr Rohstoffe als nachwachsen und produzieren Unmengen klimaschädlicher Treibhausgase. Damit gefährden wir die Stabilität der Ökosysteme weltweit – und somit unsere eigenen Lebensgrundlagen. Der Wald spielt dabei eine besonders wichtige Rolle. Als CO2-Speicher ist er von enormem Wert für den Klimaschutz. Zugleich brauchen wir ihn für einen funktionierenden Wasserhaushalt und eine intakte Biodiversität. Dennoch hat sich die massive Abholzung der Wälder in den vergangenen Jahrzehnten weiter verschärft, insbesondere in Südamerika. Deutschland ist zu etwa einem Drittel bewaldet. Mit dieser Waldfläche sind wir im europäischen Vergleich relativ gut ausgestattet. Allerdings müssen wir dringend die Art und Weise überdenken, wie wir diese Wälder bewirtschaften.

Stephen Wehner ist Geschäftsführer und Vorstand des Bergwaldprojekts. Der Verein setzt sich dafür ein, den Wald zu erhalten sowie ein besseres Verständnis für die Zusammenhänge in der Natur und deren Bedrohungen zu vermitteln. Dazu arbeitet das Bergwaldprojekt mit Freiwilligen in Wäldern, Mooren und Freilandbiotopen an verschiedenen Orten in Deutschland. Mehr zum Verein und wie Sie mitmachen können, lesen Sie auf der Website.
Stephen Wehner ist Geschäftsführer und Vorstand des Bergwaldprojekts. Der Verein setzt sich dafür ein, den Wald zu erhalten sowie ein besseres Verständnis für die Zusammenhänge in der Natur und deren Bedrohungen zu vermitteln. Dazu arbeitet das Bergwaldprojekt mit Freiwilligen in Wäldern, Mooren und Freilandbiotopen an verschiedenen Orten in Deutschland. Mehr zum Verein und wie Sie mitmachen können, lesen Sie auf der Website www.bergwaldprojekt.de
Das Waldsterben trifft Fichten besonders stark. Viele der Nadelbäume sind 2020 im Nationalpark Harz abgestorben.
Das Waldsterben trifft Fichten besonders stark. Viele der Nadelbäume sind 2020 im Nationalpark Harz abgestorben.

Wie schaden wir der Natur und insbesondere dem Wald?

Noch immer behandeln wir unseren Planeten so, als hätten wir einen zweiten in der Hinterhand. Wir verschmutzen die Umwelt, verbrauchen mehr Rohstoffe als nachwachsen und produzieren Unmengen klimaschädlicher Treibhausgase. Damit gefährden wir die Stabilität der Ökosysteme weltweit – und somit unsere eigenen Lebensgrundlagen. Der Wald spielt dabei eine besonders wichtige Rolle. Als CO2-Speicher ist er von enormem Wert für den Klimaschutz. Zugleich brauchen wir ihn für einen funktionierenden Wasserhaushalt und eine intakte Biodiversität. Dennoch hat sich die massive Abholzung der Wälder in den vergangenen Jahrzehnten weiter verschärft, insbesondere in Südamerika. Deutschland ist zu etwa einem Drittel bewaldet. Mit dieser Waldfläche sind wir im europäischen Vergleich relativ gut ausgestattet. Allerdings müssen wir dringend die Art und Weise überdenken, wie wir diese Wälder bewirtschaften.

Was meinen Sie damit?

Die Wälder in Deutschland sind in erster Linie Wirtschaftswälder, die naturfern und mit zunehmend industriellen Verfahren behandelt werden. Sie bestehen zu über 50 Prozent aus Monokulturen überwiegend standortfremder Bäume. Diese wurden nach beiden Weltkriegen vor allem auf Reparationsflächen gepflanzt – sie wachsen schnell und versprechen somit vermeintlich hohe Erträge. Doch diesen künstlich geschaffenen Wäldern mangelt es an Resilienz, um sich an den Klimawandel anzupassen.

Biotopbäume sind meist alt oder bereits tot – und bieten deshalb Lebensraum für unzählige Insekten und andere Tierarten. Das Bild zeigt eine mächtige Buche mit Stammschäden im Lübecker Stadtwald.
Biotopbäume sind meist alt oder bereits tot – und bieten deshalb Lebensraum für unzählige Insekten und andere Tierarten. Das Bild zeigt eine mächtige Buche mit Stammschäden im Lübecker Stadtwald.

Was genau schwächt die Widerstandskraft unserer Wälder?

Um das zu erklären, hilft der Vergleich zu natürlich beschaffenen Wäldern. In diesen wunderbar funktionierenden Ökosystemen wachsen heimische Baumarten jeden Alters, die miteinander kommunizieren und Nährstoffe austauschen. Möglich macht das ein dichtes Netzwerk aus Wurzeln und Pilzen im Waldboden. Die Bäume bieten zugleich Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen. Hierbei gilt: Jedes Lebewesen ermöglicht, dass ein anderes existiert. Selbst Totholz ist von hoher Bedeutung, etwa für die Ernährung vieler Insekten und Tiere.

Dieses Gleichgewicht ist in einem konventionellen Wirtschaftswald gestört. Es wachsen nur wenige verschiedene Baumarten, die meist in jungem Alter geerntet werden und oft nicht an die ökologischen Standortbedingungen angepasst sind. Selbst Totholz wird meist entnommen. Und die Informationskanäle, die die Bäume im Waldboden nutzen, werden durch den Einsatz schwerer Geräte wie zum Beispiel Holz-Erntemaschinen geschädigt. In diesem Umfeld können viele Tier- und Pflanzenarten nicht überleben – die biologische Vielfalt und damit die Stabilität des Waldes leidet.

Wie kann das Waldsterben gestoppt werden?

Wir können unseren Wald stabilisieren, wenn wir die Forstwirtschaft viel stärker an der natürlichen Entwicklung ausrichten und nur behutsam eingreifen. Das gilt insbesondere nach Störungen durch Stürme, Trockenheit oder Waldbrände. Damit schaffen wir die Grundlage dafür, dass gesunde Mischwälder aus heimischen Laubbaumarten wie Buchen oder Eichen entstehen. Ein solches Konzept wurde in Deutschland erstmals im Stadtwald Lübeck umgesetzt. Dementsprechend bewirtschaftete Waldflächen zertifiziert mittlerweile der Verband Naturland. Wie Studien belegen, entstehen durch diese Form der Fortwirtschaft keine Einbußen im Holz-Ertrag2. Das leuchtet ein, wenn man bedenkt, dass natürliche Wälder widerstandsfähiger sind. Wichtig ist aus meiner Sicht allerdings, nicht nur einen Wandel der Forstwirtschaft anzustoßen. Wir sollten auch den Anteil naturbelassener Wälder in Deutschland erhöhen, damit sich das Leben dort vollkommen frei von menschlichen Eingriffen entfalten kann.

Finden diese Erkenntnisse zum Waldsterben in der Politik Gehör?

Insgesamt sind die deutsche Politik und auch die Forstwirtschaft noch nicht nah genug dran am Thema Waldsterben. Zum Beispiel hat die Bundesregierung im Rahmen ihrer Biodiversitätsstrategie festgelegt, bis zum Jahr 2020 fünf Prozent der Wälder unter Komplettschutz zu stellen – doch nur einen Anteil von rund drei Prozent erreicht3. Auch die aktuelle Nachhaltigkeitsprämie für die Forstwirtschaft greift zu kurz. Denn dabei handelt es sich um eine Flächenprämie. Die Vergabe dieser Fördergelder hängt nicht davon ab, ob die Widerstandskraft der Wälder tatsächlich gestärkt wird.

Wenn es darum geht, den Wald zu erhalten, ist schnell von Baumpflanzungen die Rede. Dies ist auch eine der Kernaktivitäten des Bergwaldprojekts. Das Prinzip: Ich pflanze einen Baum und tue Gutes für die Umwelt. Doch ist das tatsächlich so einfach?

Wälder sind komplexe Lebensgemeinschaften. Um Störungen zu vermeiden, sollte jeder Eingriff gut überlegt sein. Baumpflanzungen nach dem Gießkannenprinzip schaden daher mehr als sie nutzen. Beim Bergwaldprojekt geht es vielmehr darum, den Wald ökologisch zu stabilisieren. Wir unterstützen ihn dabei, sein natürliches Gleichgewicht zurückzuerlangen. Sinnvoll ist dieses Vorgehen bei Monokulturen aus standortfremden Bäumen, insbesondere wenn auf großen Flächen Samenbäume fehlen. Dort pflanzen wir standortheimische Baumarten, die sich unter dem Schutz bestehender Bäume gut entwickeln können. Schädlich wären hingegen Pflanzungen von nicht heimischen Baumarten, insbesondere in unseren alten Mischwäldern mit intakten ökologischen Netzwerken, wie sie zum Beispiel in Nationalparks oder bei manchen Flächen engagierter Waldeigentümer vorkommen.

Beim naturnahen Waldumbau arbeiten Sie auch mit Großunternehmen wie der Commerzbank zusammen. Durch die Unterstützung der Bank konnten bereits Bäume auf einer Gesamtfläche von fast einer Million Quadratmeter gepflanzt werden. Welche Rolle spielen solche Kooperation für den Umwelt- und Klimaschutz?

Wir freuen uns, wenn uns Unternehmen wie die Commerzbank finanziell unterstützen, denn sie erhöhen die Wirksamkeit unserer Arbeitseinsätze, die wir bundesweit mit hunderten von Freiwilligen durchführen. Wenn wir durch die Unterstützung unserer Partner das Pflanzgut für Waldumbaumaßnahmen selbst finanzieren können, haben wir eine bessere Kontrolle über die Auswahl und Mischung der Baumarten. Um das Waldsterben langfristig zu verhindern und die Ökosysteme weltweit zu erhalten, braucht es aber noch mehr – wir müssen unser Verhältnis zur Natur neu denken und somit anders wirtschaften und konsumieren als bisher.

Wie stellen Sie sich Wirtschaften im Einklang mit der Natur vor?

Wir geben den noch immer weit verbreiteten Glaubenssatz „Wachstum über alles“ auf und wirtschaften so, dass wir der Natur keine irreparablen Schäden mehr zufügen. Dabei helfen Ansätze wie die Gemeinwohlökonomie. Auf dieser Basis können Unternehmen eine Bilanz erstellen, die ihren Beitrag zum Wohl des Menschen und der Natur misst.

Was kann jeder Einzelne zu einem nachhaltigen Wandel beitragen?

Entscheidend ist, weniger zu konsumieren und langlebige Produkte zu kaufen. Das gilt auch für Holz. Denn auch wenn Bäume nachwachsen: Wir verbrauchen immer noch viel zu viel. Beim Kauf von Holzprodukten empfehle ich, auf die Herkunft aus Deutschland sowie das Naturland- oder zumindest FSC-Label zu achten.

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