• Dax 40: Was ändert sich? Unser Chefanlagestratege ordnet die Neuerungen ein und gibt Tipps für Anleger.

Dax 40: Unser Chefanlagestratege erklärt, was sich ändert

Am deutschen Aktienindex kommt niemand vorbei, der Nachrichten schaut oder hin und wieder die Zeitung aufschlägt. Das hat seinen Grund: Der Dax misst die Aktienentwicklung der 30 größten börsennotierten Unternehmen im Land und ist damit ein Gradmesser dafür, wie es um die Wirtschaft bestellt ist. Nach mehr als drei Jahrzehnten seit Gründung wächst der Leitindex um zehn Aktien und erhält neue Auswahlkriterien. Was genau sich ändert und worauf Anleger jetzt achten sollten, erklärt Chris-Oliver Schickentanz, Chefanlagestratege der Commerzbank.

Herr Schickentanz, im September wird der Dax um zehn Titel erweitert. Wieso hat sich die Deutsche Börse für diesen Schritt entschieden?

Es geht zum einen darum, den Dax an international übliche Standards anzupassen. Die meisten anderen großen Länderindizes bilden mehr als 30 Titel ab. In Frankreich sind es 40, in Großbritannien 100 und in den USA sogar 500 Indexmitglieder. Sie bilden die jeweilige Wirtschaft damit detaillierter ab. Durch die Erweiterung auf 40 Titel wird der Dax also breiter aufgestellt.

Welche Unternehmen kommen in den Dax 40?

Das lässt sich aktuell noch nicht mit Gewissheit sagen, da die nächste reguläre Überprüfung am 3. September 2021 ausschlaggebend ist. Aktuell haben aber die großen MDax-Werte die besten Aussichten.

Der Fall Wirecard hat im vergangenen Jahr Mängel im Dax offengelegt. Der Zahlungsdienstleister ging bankrott, blieb aber noch einige Zeit im Leitindex. Reagiert die Deutsche Börse auch darauf?

Für die Aufstockung war das nicht der treibende Faktor. Aber zeitgleich mit der höheren Titelzahl hat die Börse auch neue qualitative Auswahlkriterien für die Dax-Elite beschlossen. Um diese Regeln zu erklären, hilft zunächst der Blick auf die bisherige Zusammensetzung des Dax. Wer in den Index kommt, wurde anhand der quantitativen Kriterien Marktkapitalisierung sowie Börsenumsatz bestimmt. Unternehmen mussten aber nicht nachweisen, dass sie Gewinn machen. Genau das läuft nun anders. Damit nutzt die Deutsche Börse die Gelegenheit, um Lehren aus dem Wirecard-Skandal zu ziehen – immerhin ein Ex-Mitglied des Dax.

Chris-Oliver Schickentanz ist seit 2009 Chefanlagestratege der Commerzbank. Gemeinsam mit seinem Team kümmert er sich darum, dass die über 100 Milliarden Euro an Wertpapiervermögen der Commerzbank-Kunden gut strukturiert und aussichtsreich angelegt werden. Chris-Oliver Schickentanz ist studierter Psychologe und gern gesehener Gast in den Medien (zum Beispiel n-tv, ARD, Focus, Handelsblatt).
Chris-Oliver Schickentanz ist seit 2009 Chefanlagestratege der Commerzbank. Gemeinsam mit seinem Team kümmert er sich darum, dass die über 100 Milliarden Euro an Wertpapiervermögen der Commerzbank-Kunden gut strukturiert und aussichtsreich angelegt werden. Chris-Oliver Schickentanz ist studierter Psychologe und gern gesehener Gast in den Medien (zum Beispiel n-tv, ARD, Focus, Handelsblatt).

Das sind die Dax 40 Aufstiegskandidaten nach Einschätzung von J.P. Morgan

Ticker Name Status Value $ (M) Shares (M) xADV
AIR GY Airbus SE Pot. Add. 1675,97 12,71 408,5%
ZAL GY Zalando SE Pot. Add. 502,52 4,17 333,5%
SHL GY Siemens Healthineers AG Pot. Add. 247,08 3,87 248,2%
SY1 GY Symrise AG Pot. Add. 252,79 1,76 417,7%
HFG SY HelloFresh SE Pot. Add. 252,29 2,51 199,1%
PAH3 GY Porsche Automobil Holding SE Pot. Add. 244,91 2,22 247,2%
BNR GY Brenntag SE Pot. Add. 218,23 2,24 272,4%
SRT3 GY Sartorius AG Pot. Add. 189,49 0,34 230,0%
PUM GY Puma SE Pot. Add. 194,92 1,59 274,6%
BEI GY Beiersdorf AG Pot. Add. 172,81 1,42 268,2%
QIA GY QIAGEN NV Watchlist 161,13 3,14 346,0%
LEG GY LEG Immobilien SE Watchlist 167,68 1,07 418,2%
HNR1 GY Hannover Rueck SE Watchlist 150,21 0,87 404,5%

Quelle: Stoxx Bloomberg Finance L.P., J.P. Morgen Einschätzung

Welche Kriterien müssen Unternehmen nun erfüllen, um in den Dax aufgenommen zu werden?

Künftig ist von den quantitativen Kriterien nur noch der Marktwert einer Aktie relevant, das Handelsvolumen spielt also keine Rolle mehr. Darüber hinaus gibt es aber zusätzliche qualitative Kriterien, die insbesondere Privatanleger besser schützen sollen:

Unternehmen müssen nachweisen, dass sie seit mindestens zwei Jahren in Folge profitabel arbeiten. Gemessen wird das am operativen Ergebnis, also dem Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. So will man verhindern, dass Firmen in den Leitindex gelangen, die zwar hohe Umsätze erzielen, aber letztlich operativ keine schwarzen Zahlen schreiben.

Künftige Dax-Mitglieder müssen Geschäfts- und Quartalsberichte innerhalb enger Fristen veröffentlichen und damit belegen, dass sie den Anforderungen von Wirtschaftsprüfern und der Börsenaufsicht nachkommen. Halten sie die Abgabetermine nicht ein, fliegen sie sehr schnell und automatisch aus dem Index. Damit könnte sich die Causa Wirecard nur bedingt wiederholen. Das Unternehmen hatte mehrfach gesetzte Fristen für einen testierten Jahresabschluss verstreichen lassen.

Es werden nur Unternehmen aufgenommen, die den Deutschen Corporate Governance Kodex berücksichtigen. Bei diesem Regelwerk geht es um Themen der verantwortungsvollen Unternehmensführung wie zum Beispiel die unabhängige Besetzung des Aufsichtsrats. Als „Governance“ zählt die Unternehmensführung zu den drei Kriterien, mit denen Analysten die Nachhaltigkeit einer Firma bewerten (ESG-Kriterien).

Wie bewerten Sie die Aufstockung des Dax 40 und die neuen Regeln?

Die Aufstockung ist aus meiner Sicht eine gute Nachricht. Denn der Dax liefert damit ein genaueres Abbild der deutschen Wirtschaft und ist so für Investoren interessanter. Die strengeren Aufnahmekriterien sehe ich ebenfalls positiv. Anleger können dadurch mehr Vertrauen in den Leitindex haben – auch wenn eine bloße Indexmitgliedschaft natürlich nichts über die künftigen Perspektiven einer Aktie verraten.

Wer schlechte Erfahrungen mit einzelnen Aktien gemacht hat, den wird das vielleicht nicht beruhigen. Wozu raten Sie gerade verunsicherten Anlegern?

Es kann helfen, sich die wohl wichtigste Börsenregel ins Bewusstsein zu rufen. Nicht alles auf eine Karte setzen und breit gestreut zu investieren.

Können Sie dieses Erfolgsprinzip der Geldanlage näher erläutern?

Eine Spekulation auf wenige Titel kann hohe Gewinne abwerfen – birgt jedoch auch hohe Risiken. Denn wenn es den Unternehmen schlecht geht, leiden auch die Anleger. Anders sieht aus, wenn das Geld auf viele verschiedene Unternehmen, Branchen und Länder verteilt ist. Dann fallen Kursverluste einzelner Aktien nicht so stark ins Gewicht. Vielmehr können Anleger davon profitieren, dass die Weltwirtschaft langfristig wächst. Und damit auch vorübergehende Konjunkturschwankungen keine Rolle spielen, sollten Sie auf einen ausreichend langen Anlagezeitraum von mindestens zehn bis 15 Jahren achten.

Wie bei einer Spitzenküche braucht auch die Geldanlage den passenden Mix an guten Zutaten.

Ist es gerade für Einsteiger nicht zu aufwändig, so viele verschiedene Unternehmen zu bewerten und aussichtsreiche Papiere zu kaufen?

In der Tat ist das sehr aufwändig und für Einsteiger nicht zu empfehlen. Leichter geht es mit Fonds und ETFs (börsengehandelte Fonds). Hiermit investieren die Fondsmanager im Auftrag der Anleger in ein umfangreiches Portfolio. Dabei ist es wichtig, nicht irgendeinen Fonds zu kaufen, sondern ein Anlageprodukt auszuwählen, das zum jeweiligen Risikoprofil passt. Ein Gespräch mit dem Bankberater kann darüber Aufschluss geben.

Über einen ETF können Anleger ab September auch in den Dax 40 investieren?

Das stimmt. Und der Dax 40 kann ein sinnvoller Baustein der Geldanlage sein. Allerdings sollte er nur einen kleinen Teil vom Ganzen ausmachen. Ansonsten sind Anleger zu stark vom Wohl und Wehe der deutschen Wirtschaft abhängig und verpassen zugleich Ertrags-Chancen anderer Regionen.

Ist es ergänzend eine gute Idee, Geld in den MDax zu investieren?

Aus meiner Sicht war der MDax bisher ein guter Index, der seinen großen Bruder, den Dax, sogar über weite Strecken übertroffen hat. Doch das ändert sich nun. Der MDax schrumpft um seine zehn wertvollsten Titel, weil diese vermutlich in den Dax 40 aufrücken. Damit ist der MDax der heimliche Verlierer der Reform. Anleger sollten sich gut überlegen, ob sie weiterhin in den Index investieren oder in ihre Geldanlage auch andere Segmente wie zum Beispiel kleinkapitalisierte Werte einbeziehen möchten.

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