Steigende Zinsen

EZB-Zinserhöhung: was die Entscheidung für Ihr Geld bedeutet

29.09.2022 – Die Zinsen steigen weiter. Erfahren Sie, welche Folgen die aktuelle Zinserhöhung der Notenbank für Verbraucher und Sparer hat und wie die Zinsprognose aussieht.

Blick auf den Eingang der EZB in Frankfurt mit vier Europa-Fahnen davor

Zinserhöhung als Antwort auf die Rekordinflation

Die Inflationsrate in Deutschland lag im August bei 9,1 Prozent. Einen höheren Wert hat es zuletzt vor 70 Jahren gegeben.

Rekordpreise sind länderübergreifend in fast allen Wirtschaftssparten zu spüren, insbesondere im Energiesektor. Dabei ist ein Ende der Gaskrise nicht in Sicht. Viele Unternehmen haben zudem ihre höheren Produktionskosten noch nicht vollständig an die Verbraucher weitergegeben. Gleichzeitig mehren sich die Anzeichen für eine deutliche Verstärkung des Lohnauftriebs. Es ist daher davon auszugehen, dass die Preise in nächster Zeit weiterhin stark steigen und schwanken werden.

Um diese hohe Inflation zu drücken, haben Zentralbanken rund um die Welt ihre Anleihekaufprogramme beendet und die Zinsen erhöht. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat im Juli dieses Jahres zum ersten Mal seit 2011 den Leitzins für den Euroraum angehoben – um 0,5 Prozentpunkte. Am 8. September erfolgte die zweite Zinserhöhung um weitere 0,75 Prozentpunkte für alle drei Leitzinssätze. Ein historischer Schritt: Diese Erhöhung ist die größte seit Einführung des Euro im Jahr 2002. Der Leitzins für den Euroraum liegt nun bei 1,25 Prozent. Experten prognostizieren auch in den nächsten Monaten und bis in das kommende Jahr hinein einen weiteren Anstieg der Zinsen.

Kurz erklärt: die EZB und die Leitzinsen

Die Europäische Zentralbank ist in der Eurozone die oberste Notenbank. Sie ist für ein stabiles Finanzsystem zuständig und legt in diesem Zuge auch den Leitzins fest. Er ist der wichtigste Zins und das wirkungsvollste Instrument der Notenbanken, um den Geldwert stabil zu halten.

Der Leitzins bestimmt die Zinssätze, zu denen sich Geschäftsbanken wie die Commerzbank bei der EZB Geld beschaffen oder anlegen können. Ziel der Europäischen Zentralbank ist es, dass die Verbraucherpreise jährlich um zwei Prozent steigen. Die Zinsen werden diesem Ziel entsprechend fortlaufend angepasst.

Es gibt insgesamt nicht nur einen, sondern drei Arten von Leitzinsen, die von der Europäischen Zentralbank festgelegt werden. Der zum jeweiligen Zeitpunkt wichtigste wird gemeinhin als „Leitzins“ bezeichnet.

Der Einlagenzins:

Der für die Marktrenditen und Zinsniveaus ausschlaggebende Zins ist derzeit der Einlagensatz. Deshalb wird er aktuell als „Leitzins“ bezeichnet. Er fällt an, wenn Geschäftsbanken überschüssiges Geld über Nacht bei der Zentralbank parken. Ist er positiv, verdienen Banken, die überschüssige Liquidität bei der EZB halten, Geld. Seit 2014 war der Einlagenzins aber negativ, seit 2019 betrug er minus 0,5 Prozent. Viele Kreditinstitute haben somit Verluste durch den Einlagenzins verzeichnet und haben für Kunden ab einem bestimmten Sparguthaben Verwahrentgelte eingeführt. Nun hat die Trendwende eingesetzt: Mit der EZB-Zinserhöhung vom 8. September liegt der Einlagensatz bei 0,75 Prozent – ein Plus von 75 Basispunkten. Steigt der Einlagenzins weiter, so steigen auch die Kreditkosten für Banken und Verbraucher.

Der Spitzenrefinanzierungssatz:

Er legt die Kosten fest, zu denen sich Banken auf eigene Initiative über Nacht Geld bei der EZB leihen können. Der Zinssatz der Spitzenrefinanzierungsfazilität ist normalerweise höher als derjenige des Hauptrefinanzierungsgeschäfts. Der Spitzenrefinanzierungssatz liegt nach der zweiten Zinserhöhung der EZB am 8. September aktuell bei 1,5 Prozent.

Der Hauptrefinanzierungssatz:

Er legt fest, zu welchem Zinssatz sich Banken über einen etwas längeren Zeitraum als bei der Spitzenrefinanzierungsfazilität Geld von der Notenbank leihen können. Zwischen März 2016 und Juli 2022 lag der Hauptrefinanzierungssatz bei null Prozent. Am 21. Juli 2022 wurde er um 50 Basispunkte bzw. 0,5 Prozentpunkte von der Europäischen Zentralbank erhöht. Am 8. September folgte eine weitere Anhebung um 0,75 Prozent auf insgesamt 1,25 Prozent. Derzeit gibt es eine hohe Überschussliquidität auf dem Markt, sodass sich die Banken wenig Geld von der EZB über das Hauptrefinanzierungsgeschäft besorgen – daher wird dieser Finanzierungssatz in nächster Zeit keinen großen Einfluss auf die Kreditraten haben.

Wichtige Fragen und Antworten zu den Leitzinsen

Welche Folgen hat eine straffere EZB-Geldpolitik für Banken?

Auch Banken müssen ihr Geschäft infolge der strafferen Geldpolitik der Europäischen Zentralbank anpassen. Im Zuge der Erhöhung der Leitzinsen haben erste Kreditinstitute zum Beispiel die Verwahrentgelte auf Giro- und Tagesgeldkonten wieder abgeschafft. Andere Banken prüfen derzeit diesen Schritt.

Die Verwahrentgelte wurden für hohe Kontoguthaben ab einer bestimmten Einlagengröße, zum Beispiel 25.000 oder 50.000 Euro, eingeführt. Sparer, die diese Freigrenze überschritten, mussten für ihr darüber liegendes Guthaben Negativzinsen zahlen. Über diese sogenannten Strafzinsen versuchten viele Banken in der Vergangenheit, dem negativen Einlagenzins entgegenzuwirken. Allerdings schaffen einige Banken nun im Zuge der Leitzinserhöhung das Verwahrentgelt ab. Somit zahlen Verbraucher keine Negativzinsen mehr auf ihr Erspartes.

Welche Folgen haben die höheren Zinsen für Sparer und Kreditnehmer?

Das erneute Anheben des EZB-Leitzinses hat für Konsumenten, Sparer und Immobilieninteressierte sowie Hausbesitzer signifikante Auswirkungen.

Positive Entwicklung für Sparer

Durch den steigenden Leitzins im Euroraum haben Sparer bei weiter steigenden Sparzinsen wieder die Chance, ihr Erspartes auf dem Sparkonto verzinsen zu lassen.

Herausforderung für Kreditnehmer

Für jene, die einen Kredit aufgenommen haben oder aufnehmen möchten, bedeuten die Zinserhöhungen der EZB jedoch vor allem eines: höhere Kreditkosten. Bisher konnten Kreditnehmer durch einen niedrigen Bauzins Eigentum erwerben und Konsumausgaben finanzieren. Zwar werden bereits aufgenommene Kredite zu dem vereinbarten Zinssatz, der zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses galt, weitergeführt. Allerdings werden Anschlussfinanzierungen durch höhere Zinsen deutlich teurer und damit für manch einen zur Gefahr. Kreditnehmer, deren Zinsbindung bald endet und die bereits in einem finanziell engen Rahmen agieren, könnten durch steigende Kredit- und Rückzahlungsraten in finanzielle Schieflage geraten.

Finanzierung des Eigenheims in Zeiten höherer Zinsen

Vor allem Immobilienbesitzer und Menschen, die ein Haus oder eine Wohnung erwerben möchten, treffen die höheren Kreditkosten schmerzlich. Nicht erst mit der Erhöhung der Leitzinsen durch die Notenbank kennt die Bauzinsentwicklung nur eine Richtung: steil nach oben. Da der Kauf einer Immobilie oft über Jahrzehnte finanziert wird, haben auch minimale Anpassungen am Zinssatz bei Baufinanzierungen erhebliche Auswirkungen auf Ratenhöhe oder Darlehenslaufzeit. Es ist daher ratsam, sich schnell um eine Neu- oder Anschlussfinanzierung zu kümmern, um sich den aktuellen Zinssatz zu sichern.

Auch bei Ratenkrediten für Auto und Co. steigen die Zinsen

Verbraucher, die zum Beispiel einen Ratenkredit für ein Auto, einen Urlaub oder eine andere Anschaffung abbezahlen, sind ebenfalls von der Zinswende betroffen. Künftig wird es teurer, längerfristige Vorhaben zu finanzieren. Im Gegensatz zu den Bauzinsen steigen die Zinsen für Ratenkredite aktuell jedoch nur langsam an – eine weitere Dynamik nach oben ist allerdings jederzeit möglich. Kreditinteressierte sollten auch hierbei zügig handeln, wenn sie eine Finanzierung planen.

Anlegertipps

Stellen Sie die Strategie für Ihre Geldanlage auf den Prüfstand

Die Zinsen im Immobilienbereich steigen weiter kräftig an. Gleichzeitig steigen auch die Zinsen für Sparguthaben langsam. Als Verbraucher sollten Sie Ihre aktuelle Anlagestrategie überprüfen, um auf die aktuellen Veränderungen bestmöglich reagieren zu können. Ein guter Tipp: Verteilen Sie Ihre Geldanlage auf verschiedene Anlageformen. Zu empfehlen sind:
1

Investieren Sie in ETF-Sparpläne

ETF-Sparpläne bieten niedrige Zinsen und ein attraktives Chance-Risiko-Verhältnis. Auch in stark volatilen Märkten bieten sie eine vielversprechende Möglichkeit, Geld anzulegen.

2

Risiko durch Edelmetalle streuen

In Zeiten großer Veränderungen lohnt es sich, Risiko breit zu streuen. Auch Geldanlagen in Edelmetalle wie Gold können zum Beispiel in Betracht gezogen werden.

3

Avisieren Sie einen Immobilienkauf

Wer genug Eigenkapital besitzt, sollte einen Immobilienerwerb ins Auge fassen. Reicht das Ersparte nicht aus, sollten Sie frühzeitig beginnen, Geld für einen späteren Kauf anzusparen. Banksparpläne und Bausparverträge gelten als sichere Anlageformen.

Ausblick: Wie sieht die aktuelle Zinsprognose aus?

Die Zinssätze hängen eng mit den Inflationserwartungen zusammen. Die Inflationsrate im Euroraum betrug im August 2022 9,1 Prozent und hat somit den höchsten Stand seit Einführung des Euro erreicht. Experten prognostizieren auch für die kommenden Monate einen weiteren Anstieg.

Die Notenbanker argumentieren seit kurzem, dass es wegen der Rekordinflation zentral sei, das Vertrauen der Bevölkerung in die EZB zurückzugewinnen und die Inflationserwartungen zu verankern. Dies sei in den letzten Monaten nicht mehr der Fall gewesen, wie beispielsweise eine vor wenigen Wochen zum ersten Mal von der EZB veröffentlichte Umfrage unter Verbrauchern im Euroraum zeigt. Um die Inflation ausbremsen zu können, hat die EZB nun die höchste Leitzinserhöhung seit der Einführung des Euros beschlossen.

Einschätzung des Commerzbank Chefvolkswirt Dr. Jörg Krämer

Die EZB hat eine Kehrtwende vollzogen. Lange Zeit hatte sie ihre Zinspolitik vor allem an den Ergebnissen modellgestützter Inflationsprognosen ausgerichtet. Lagen diese Prognosen beispielsweise Ende 2021 nur 0,2 Prozentpunkte unter dem EZB-Inflationsziel von zwei Prozent, so reichte ihr das, um weiter negative Leitzinsen in Aussicht zu stellen, obwohl die Inflation zu diesem Zeitpunkt schon massiv gestiegen war. Mit dieser zweifelhaften Praxis will sie Schluss machen. Stattdessen will sie bei ihren Zinsentscheidungen in Zukunft mehr Gewicht legen auf die tatsächlichen Inflationsdaten und auf die Inflationserwartungen der Bürger, die auch schon deutlich gestiegen sind. Das spricht für die kommenden Monate für deutliche Zinserhöhungen. Wenn aber nach der Jahreswende die in die Höhe geschossenen Energiepreise zu einer Rezession geführt haben sollten, wird die EZB der Mut wohl wieder verlassen. Sie dürfte den Zinserhöhungsprozess dann für etwa zwölf Monate aussetzen.

Die EZB hat die Leitzinsen im September erneut erhöht. Ab Frühjahr 2023 könnten die hohen Energiepreise zu einer Rezession führen. Die EZB dürfte den Zinserhöhungsprozess dann aussetzen.