Wir sehen großes Potenzial

Comdirect-Chefin Sabine Schoon-Renné ist überzeugt, dass das Altersvorsorgedepot die Geldanlage der Deutschen stark verändern wird. Zum Start verspricht sie neue Angebote.

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Daniel Hüfner und Stefan Schaaf

Das Interview erschien zuerst am 23. August 2026 im Magazin "Capital".

27.08.2026

Porträt von Sabine Schoon-Renné
Sabine Schoon-Renné sieht „großes Potenzial“ im Altersvorsorgedepot© Hendrik Lüders

Zusammenfassung:

  • Schoon-Renné sieht im staatlich geförderten Altersvorsorgedepot einen einfachen Einstieg in Wertpapiere.
  • Comdirect zum Start mit abschlussfähigen Angeboten startklar.
  • Die Marke der Commerzbank setzt auf eigene ETFs und umfassenden Service.

Das Altersvorsorgedepot wird die Geldanlage der Deutschen fundamental verändern, ist Sabine Schoon-Renné überzeugt. Die Chefin der Commerzbank-Tochter Comdirect verspricht zum Start etliche neue Angebote.

Frau Schoon-Renné, das Altersvorsorgedepot kommt: Werden Sie selbst eines eröffnen?
Ja, natürlich werde ich das tun. Mein Mann und ich sind als Berufstätige ein relativ klarer Fall. Aber ich habe auch Nichten und Neffen, und hier könnte zudem die Frühstart-Rente spannend werden. Gerade bei Kindern und jungen Erwachsenen kann man heute gar nicht früh genug anfangen, sich um die private Altersvorsorge zu kümmern.

Das Vorsorgedepot wird also der Gamechanger für die Rente?
Es wird in jedem Fall das Anlageverhalten deutlich verändern. Endlich und zum Glück, weil es für viele Menschen ein sehr leichter Einstieg in die Wertpapieranlage ist. Schon mit 120 Euro im Jahr, also 10 Euro im Monat, kann man von staatlichen Zulagen profitieren. Das ist ein wichtiger Baustein.

Wie groß sind die Erwartungen der Comdirect an das Produkt?
Viele unserer rund drei Millionen Kunden sind heute schon sehr kapitalmarktaffin. Rund 600 000 besparen regelmäßig Wertpapiersparpläne, und zwar mit durchschnittlich 350 Euro im Monat. Für viele wird sich ganz automatisch die Frage stellen, ob sie zusätzlich ein Altersvorsorgedepot besparen. Gleichzeitig gibt es in Deutschland rund 50 Millionen Förderberechtigte. Das Depot wird im ersten Quartal 2027 deshalb eines der Topthemen im Markt sein. Wir sehen großes Potenzial, bei Bestandskunden und bei Neukunden.

Es wird also pünktlich zum 1. Januar ein Angebot der Comdirect geben? Die Vorbereitungszeit ist für alle Anbieter sehr knapp.
Wir werden zum 1. Januar auf jeden Fall abschlussfähige Angebote haben, sowohl für das Standardangebot als auch für das allgemeine Altersvorsorgedepot. Vollumfänglich fertig wird zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht alles sein.

Was wird zum Start noch fehlen?
Zum Jahreswechsel muss noch nicht jede Funktion vollständig umgesetzt sein. Die Zulagen werden zum Beispiel nicht sofort, sondern erst zum Jahresende ausgezahlt, das werden wir technisch also erst später umsetzen. Und am 2. Januar geht auch noch niemand aus diesem Depot in Rente. Es braucht daher noch keine Auszahlmechanismen. Wichtig ist, dass die Kunden einzahlen und mit den geförderten Sparplänen loslegen können.

Was wird das bei Ihnen kosten?
Eine genaue Preisspanne nennen wir noch nicht. Beim Standarddepot gehen wir aber davon aus, deutlich unter dem gesetzlichen Kostendeckel von einem Prozent zu liegen. Auch das allgemeine Vorsorgedepot wird preislich attraktiv sein.

Neobroker wie Trade Republic werben mit Kosten ab 0,2 Prozent und sind gerade bei Junganlegern beliebt. Warum sollte ein 25-Jähriger noch zu Ihnen kommen?
Ein 25-Jähriger sollte sich zuerst fragen: Was passt zu mir, und mit welchem Produkt möchte ich vorsorgen? Bei der Comdirect findet er gerade beim allgemeinen Vorsorgedepot eine sehr große Auswahl an ETFs und aktiv gemanagten Fonds. Und er kann auch mal anrufen, wenn er Hilfe braucht. Kaum ein Neobroker ist genau wie wir an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr für Kunden erreichbar. Das gibt Sicherheit, selbst wenn man diesen Service am Ende nur selten nutzt.

Sie haben im Frühjahr einen eigenen Welt-ETF aufgelegt …
… der auch zentraler Bestandteil unseres Vorsorgedepots sein wird. Der Fonds begrenzt das sehr hohe Übergewicht von US-Aktien, das bei anderen Welt-ETFs besteht, und nimmt Schwellenländer mit dazu. Aktuell liegen wir bei gut 100 Mio. Dollar Fondsvolumen. Und ich habe ihn auch selbst im Depot. Ich war beim Abschluss Nummer neun, knapp hinter unserem IT-Chef.

Der ETF kostet 0,4 Prozent im Jahr. Vergleichbare Fonds gibt es für 0,1 Prozent. Ist Ihrer nicht zu teuer?
Für unsere Kunden spielt auch eine große Rolle, dass der ETF über den Handelsplatz Tradegate ohne Kaufund Verkaufskosten gehandelt werden kann. Das ist vielen nach unserer Erfahrung sogar wichtiger als die jährlichen Kosten allein.

Planen Sie weitere ETF-„Eigenmarken“?
Definitiv! Für das Standard-Altersvorsorgedepot brauchen wir ohnehin zwei ETFs. Unser Welt-ETF wird dabei die renditeorientierte Aktienkomponente sein. Daneben brauchen wir ein zweites, risikoärmeres Produkt, in das mit steigendem Alter schrittweise umgeschichtet wird. Daran arbeiten wir gerade.

Und woran noch?
Ich glaube, dass Menschen sehr unterschiedliche Anlagemotive haben. Der eine möchte global investieren, der nächste stärker in Europa, ein anderer etwas konservativer oder nicht nur in Aktien. Deshalb können wir uns noch eine ganze Reihe weiterer Produkte vorstellen. Unter einer Handvoll eigener ETFs werde ich kaum glücklich werden. Daneben wird es zum Jahresende auch ein Kryptoangebot zu attraktiven Konditionen geben.

Apropos: Warum erhalten eigentlich Neukunden bei Banken oft Topzinsen, während treue Kunden mit viel weniger abgespeist werden?
Kunden sollten nicht nur wegen des Zinses zu uns kommen, denn wir sind eine Bank fürs Leben. Idealerweise hat jemand bei uns sein Tagesgeld, erledigt den Zahlungsverkehr und investiert in Wertpapiere.

Neue Rivalen wie Chase oder BBVA bieten beim Tagesgeld aber deutlich mehr Zinsen. Spüren Sie das?
Natürlich sehen wir, dass Spargelder zu diesen neuen Banken fließen. Das sind klassische Zinshopper, die aber meist nicht bleiben. Man muss auch nicht gut rechnen können, um zu verstehen, dass solche Angebote für Banken nur eine kurze Freude sind. Wir wollen lieber mit unseren Kunden wachsen und nicht nur kurzfristig Einlagen einsammeln.

Sie könnten den Leitzins der EZB von 2,25 Prozent weiterreichen. Stattdessen erhalten Bestandskunden nur 0,75 Prozent.
Der Leitzins bietet eine gute Orientierung, wo man sich in der Eurozone bewegt. Am Ende ist für Kunden bei der Auswahl ihrer Bank aber das Gesamtpaket wichtig, und hier können wir ganz selbstbewusst sein.

Nutzen Sie nicht die Trägheit Ihrer Kunden aus? Die meisten wechseln wegen ein paar Prozentpunkten nicht gleich das Konto.
Ach, wissen Sie: Ich glaube, entscheidend für den Vermögensaufbau ist etwas anderes als der Zins.

Nämlich?
Zur ersten Million kommt man über Wertpapiere.

Die Comdirect gehört zur Commerzbank. Bleibt es unter dem aktuellen Spardruck eigentlich bei zwei getrennten Marken?
Mit der Commerzbank sind wir bereits 2020 verschmolzen, und diese Diskussion haben wir schon lange beendet. Wir arbeiten heute an wahnsinnig vielen Stellen im Konzern eng zusammen, viel mehr, als man von außen vielleicht sieht.

Sieht das auch der neue Großaktionär Unicredit so?
Das ist eine Frage, die Sie Unicredit stellen sollten.

Können Sie ausschließen, dass die Marke Comdirect verschwindet?
Fakt ist: Zum Erfolg der Gesamtbank tragen wir maßgeblich bei, und Digitalbankmodelle haben sich in Europa etabliert. Die Comdirect wird seit neun Jahren als beste Bank und beste Direktbank ausgezeichnet. Für mich ist die Comdirect deshalb ein totales Asset.

Mit freundlicher Genehmigung von Capital.