Comdirect verschärft Wettbewerb mit Neobrokern

Chefin Sabine Schoon-Renné will im Wettstreit mit Trade Republic und Co. mit einem Depot für Einsteiger punkten – und bei Comdirect für mehr Wachstum sorgen.

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Andreas Kröner

Das Interview erschien zuerst im Handelsblatt am 18. Februar 2026.

09.03.2026

Sabine Schoon-Renné im Gespräch
Sabine Schoon-Renné: Die Comdirect-Chefin will wieder mehr junge Kunden gewinnen.© Hendrik Lüders

Zusammenfassung:

  • Comdirect führt das „Pure Depot“ ein, um junge Kunden mit einem preisgünstigen und einfachen Wertpapierangebot zu gewinnen.
  • Neue Initiativen wie ein ETF und ein Kryptoangebot sollen das Wachstum fördern und digitale Privatkunden ansprechen.
  • Nach schwierigen Jahren setzt Comdirect auf Innovationen und Marketing, um wieder Kundenzahlen zu steigern.

Die Onlinebank Comdirect setzt im Wettbewerb mit schnellwachsenden Fintechs wie Trade Republic auf ein neues Trading-Angebot. „Wir wollen unsere Kundenzahl in den kommenden Jahren ausbauen und dabei auch mehr junge Menschen für uns gewinnen, die mit dem Wertpapiersparen anfangen“, sagte Comdirect-Chefin Sabine Schoon-Renné dem Handelsblatt.

Viele dieser Menschen entschieden sich heute für die Angebote von Neobrokern wie Trade Republic oder Scalable, räumt die 45-Jährige ein: „Damit wir vom Wachstum im jungen Kundensegment stärker profitieren, haben wir ein preiswerteres und schlankeres Angebot entwickelt.“

Im neuen „Pure Depot“ kostet ein Trade – genauso wie bei Trade Republic – einen Euro. Im Vergleich dazu bezahlen Kunden für eine Transaktion im normalen Brokerage-Angebot der Comdirect 3,90 Euro. Die Führung des „Pure Depots“ ist kostenlos.

Dafür ist der Leistungsumfang eingeschränkt. Derivate etwa lassen sich im „Pure Depot“ nicht handeln. Zudem können Kunden nicht zwischen verschiedenen Handelsplätzen auswählen. Alle Geschäfte werden über die Plattform Gettex der Bayerischen Börse abgewickelt.

Mit dem neuen Angebot reagiert Comdirect vor allem auf den wachsenden Druck durch Trade Republic. Der Berliner Neobroker hat seine Kundenzahl zuletzt innerhalb von 18 Monaten auf zehn Millionen verdoppelt und damit etablierte Anbieter aufgeschreckt.

Viele Geldhäuser arbeiten deshalb intensiv daran, Trade Republic mehrentgegenzusetzen. Die Sparkassen rollen 2026 ein neues Angebot aus, bei dem Kunden in der Sparkassen-App direkt Aktien und ETFs kaufen können. Die Direktbank DKB will durch den Wechsel ihres Wertpapierdienstleisters wettbewerbsfähiger werden.

Telefonservice als Wettbewerbsvorteil

Bei der Commerzbank-Tochter Comdirect löst das „Pure Depot“ ein Pilotprojektnamens „Simple“ ab. Dabei hatte das Institut aus Quickborn bei Hamburg seit Sommer 2025 für Kunden jünger als 30 ein preisgünstiges Angebot mit Brokerage, Girokonto und Tagesgeld getestet.

„Befragungen haben allerdings gezeigt, dass dies für die Kunden ein bisschen zu kompliziert war“, erzählt Schoon-Renné. „Deshalb haben wir uns nun für ein reines Wertpapierangebot entschieden.“ Wenn Kunden später noch ein Girokonto oder ein Tagesgeldangebot von Comdirect nutzen wollten, könnten sie dies aber hinzufügen.

Als Wettbewerbsvorteil beim Werben um die Generation Z sieht Schoon-Renné den telefonischen Kundenservice, den Comdirect im Gegensatz zu vielen Neobrokern anbietet. „Das ist eine Sicherheit, die vielen Menschen wichtig ist“, sagte die Managerin.

Das neue Brokerage-Angebot ist nur eine von mehreren Initiativen, mit denen Schoon-Renné bei Comdirect nach vielen schwierigen Jahren wieder Aufbruchstimmung erzeugen will. Nach ihrer Gründung 1994 galt die Onlinebank lange als Pionierin im digitalen Wertpapiergeschäft und sorgte mit neuen Angeboten immer wieder für Aufsehen. Im Jahr 2000 ging Comdirect selbst an die Börse.

20 Jahre später übernahm die Commerzbank ihre Tochter dann wieder komplett und beendete damit auch deren Wachstumskurs. Die Zahl der Kunden stagnierte von Mitte 2020 bis November 2023 bei 2,9 Millionen.

"Im vergangenen Jahr haben wir eine sechsstellige Zahl an Neukunden gewonnen."

Mittlerweile hat Comdirect laut Schoon-Renné rund drei Millionen Kunden: „Im vergangenen Jahr haben wir eine sechsstellige Zahl an Neukunden gewonnen.“ Allerdings habe die Einstellung der Tochter Onvista Bank auch Kunden gekostet. Vonden rund 300.000 Onvista-Kunden sei nur „knapp die Hälfte zu Comdirect gewechselt“.

Ein neuer ETF als Alternative zum MSCI World

Im Commerzbank-Konzern finden mehrere Führungskräfte die noch unter dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Martin Zielke beschlossene Komplettintegration der Comdirect rückblickend falsch. Sie sorgte nicht nur bei der Comdirect-Belegschaft für große Verunsicherung, sondern auch für drei CEO-Wechselinnerhalb kurzer Zeit.

„Zudem fand die Integration während Corona statt, als die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice saßen“, sagte Schoon-Renné. „Das war nicht einfach.“

Inzwischen habe sich die Stimmung aber deutlich gebessert, weil klar sei, welche Rolle Comdirect im Rahmen der Zwei-Marken-Strategie der Commerzbank spiele. „Unser Fokus liegt auf den Privatkunden, die gern selbst entscheiden und ihre Bankgeschäfte digital abwickeln.“

Schoon-Renné steht seit Anfang 2023 an der Spitze von Comdirect. „Die Integration in die Commerzbank und die Schließung der Onvista Bank waren anstrengend“, sagt sie. Aber: „Jetzt gehen wir wieder verstärkt mit neuen Angeboten in die Offensive.“

Jedes zweite Girokonto wird bei Neo- oder Direktbanken eröffnet

Seit 2025 investiere das Institut wieder mehr in Marketing, um die Bekanntheit der Marke Comdirect zu steigern. Zudem habe das Institut mit State Street kürzlich einen neuen ETF entwickelt. „Er ermöglicht unseren Kunden eine breite Abdeckung von Industrie-, Entwicklungs- und Schwellenländern sowie von großen und kleineren Unternehmen“, sagt die Vorstandschefin.

Der „Comdirect S&P All World State Street“-ETF sei damit eine gute Alternative zum MSCI World, der stark von der Entwicklung der „Magnificent Seven“ beeinflusst werde – also von den Aktien von Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta, Nvidia und Tesla. „Das Interesse unserer Kunden an diesem Produkt ist groß.“

Unbequeme Fragen als Erfolgsgeheimnis

Im zweiten Halbjahr startet Comdirect außerdem mit einem Kryptoangebot. „Wir wissen aus Befragungen, dass ein Drittel unserer Kunden gerne direkt in Kryptowährungen wie den Bitcoin investieren möchte“, sagt Schoon-Renné. Damit ist die Direktbank zwar später dran als viele Konkurrenten. Die Comdirect-Chefin sieht darin jedoch eine wichtige Ergänzung für Kunden, „die über uns als digitale Hausbank alle ihre Geschäfte abwickeln wollen“.

Als Wettbewerber sieht Schoon-Renné nicht nur Neobanken und andere Direktbanken wie ING und DKB, sondern auch klassische Filialbanken, die heute noch den Großteil aller Kunden haben: „Umfragen zeigen nämlich, dass sich jeder zweite Mensch vorstellen kann, seine Bankgeschäfte künftig nur noch digital zumachen.“

Die Managerin hat bereits als Kind zusammen mit ihrem Vater erste Aktien gekauft und gehandelt. „Damals kam der Neue Markt auf und brach dann später zusammen, es waren also harte Jahre“, erzählt sie. „Aber ich fand das Thema interessant und bin dabeigeblieben.“

Schon während ihrer Schulzeit absolvierte die Frankfurterin ein Praktikum bei einem Geldhaus. Nach dem Abitur begann sie dann eine Ausbildung bei der Commerzbank und studierte anschließend an der Frankfurt School of Finance.

Seitdem hat sie ihre gesamte Karriere bei der Commerzbank verbracht und sich dort einen Ruf als unbequeme, aber umsetzungsstarke Managerin erworben. „Sabine ist nicht überall beliebt, weil sie unbequeme Fragen stellt“, sagt ein Weggefährte. „Aber sie ist tief im Bankgeschäft verwurzelt und bekommt ihre Projekte im Gegensatz zu manchen Kollegen in der Regel hin.“

Schoon-Renné weiß, dass sie sich mit ihrer direkten Art nicht überall Freunde macht. Aber sie ist überzeugt, dass es Reibung braucht, um bestmögliche Ergebnisse zu erzielen. Ihr Motto: „Man muss auch mal unbequem sein und für gute Lösungen streiten.“

Mit freundlicher Genehmigung des Handelsblatt