Commerzbank und Unicredit: Beziehungsstatus unsicher

Seit rund einem Jahr schwelt der Übernahmekrimi zwischen Unicredit und der Commerzbank. Die Hängepartie sorgt bei den Firmenkunden für Unsicherheit und erste Reaktionen.

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Thomas Holzamer und Raphael Arnold, FINANCE Magazin

Der Beitrag erschien zuerst im FINANCE Magazin am 17.11.2025

26.02.2026

Panoramabild einer großen Chemieanlage mit vielen Schornsteinen im Hintergrund
© Adobe Stock, ABCDstock

Ein beherzt agierender italienischer Bankchef, eine deutsche Geschäftsbank, die sich vehement gegen eine mögliche Übernahme stemmt, und Firmenkunden, die den Versuch der Italiener mit durchaus gemischten Gefühlen verfolgen: Der Einstieg von Unicredit bei der Commerzbank vor rund einem Jahr bewegt die Gemüter bis ins politische Berlin. Denn auch die neue Regierung unter Kanzler Friedrich Merz spricht mit ihrer 12-Prozent-Beteiligung an der Commerzbank noch ein Wörtchen mit.

Derweil zeigt sich Unicredit-CEO Andrea Orcel davon kaum verunsichert. Spätestens seit dem bemerkenswerten Auftritt des Bankchefs beim Bankengipfel in Frankfurt am Main im September dürfte klar sein, dass er trotz der Abwehrbemühungen der Frankfurter und des Widerstands der Bundesregierung seinem Plan unbeirrt folgt - wenngleich er sich in Sachen Timing für neue Anteilskäufe nicht wirklich in die Karten schauen lässt. So hat der Italiener erklärt, er schließe nicht aus, auch gegen den Willen der Regierung ein Übernahmeangebot zu machen.

Commerzbank-Übernahme: CFOs bleiben skeptisch

Schon kurz nach dem Einstieg der Mailänder bei der Commerzbank zeigte eine Befragung von FINANCE, dass sich für viele CFOs und Mittelständler die Frage stellt, wie stark sich ein möglicher Zusammenschluss beider Häuser auf die Finanzierung auswirken könnte, etwa im Fall von Konsortialfinanzierungen. Die Befürchtung: „Bei Bankenfusionen ist 1 + 1 selten 2“, brachte es der CFO eines mittelständischen Unternehmens auf den Punkt. Dass diese Sorge nicht von ungefähr kommt, zeigt eine aktuelle Analyse des Beratungshauses Fox Corporate Finance (FCF), die FINANCE exklusiv vorliegt. Der zufolge ist bei 72,3 Prozent der untersuchten Finanzierungen von Unternehmen mindestens eines der beiden Häuser Teil des Konsortiums, bei rund einem Drittel (32,7 Prozent) sind es sogar beide - und das in der Regel mit dem Löwenanteil der Tickets. (siehe Grafik)

Säulendiagramm mit 4 Säulen: Anteile an der Zahl der Konsortialfinanzierungen (in Prozent). 1. Gelbe Säule Commerzbank 52 Prozent; 2. rote Säule Unicredit 53 %; 3. schwarze Säule Commerzbank und Unicredit 33 %, 4. blaue Säule Commerzbank und/oder Unicredit 72%
Anteile an der Zahl der Konsortialfinanzierungen (in Prozent)© FINANCE. Quelle: FCF Fox Corporate Finance, Ad-hoc Analyse Mittelstand: Auswirkungen einer potentiellen Übernahme der Commerzbank durch die Unicredit auf den Konsortialkreditmarkt in Deutschland, Oktober 2025

Gemeinsam an mehr als 80 Prozent des Finanzierungsvolumens beteiligt

So sind Commerzbank und Unicredit auf Basis gemeldeter und erfasster Finanzierungen an Konsortialkrediten in Deutschland beteiligt, deren Gesamtvolumen sich auf rund 274 Milliarden Euro beläuft. Das entspricht im analysierten Datensatz einem Anteil von 54,8 Prozent der Konsortialkredite in Deutschland, gemessen am Gesamtkonsortialkreditvolumen. „Bezieht man zusätzlich die Kredite ein, bei denen jeweils nur eines der beiden Institute beteiligt ist, sind die Commerzbank und Unicredit hierzulande sogar an Konsortialkrediten mit einem Gesamtvolumen von rund 417 Milliarden Euro beteiligt. Damit sind die Häuser gemeinsam betrachtet an rund 83,5 Prozent des gesamten Konsortialkreditvolumens in Deutschland beteiligt“, fasst FCF-Partner Marcel Lange zusammen.

Säulendiagramm: Anteil am Finanzierungsvolumen mit 4 Säulen: 1. Gelb, Commerzbank, 65%; 2. rot, Unicredit, 74%; 3.schwarz, Commerzbank und Unicredit, 55%; 4. blau, Commerzbank und/oder Unicredit 84%
Anteil am Finanzierungsvolumen in Prozent© FINANCE. Quelle: FCF Fox Corporate Finance, Ad-hoc Analyse Mittelstand: Auswirkungen einer potentiellen Übernahme der Commerzbank durch die Unicredit auf den Konsortialkreditmarkt in Deutschland, Oktober 2025

Commerzbank und Unicredit stark bei Automotive

Noch eindrücklicher wird das Bild beim Blick auf einzelne Branchen. Die stärkste gemeinsame Präsenz haben Commerzbank und Unicredit im Maschinenbau und im Automotive-Bereich, also in den beiden Schlüsselbranchen der deutschen Wirtschaft. So sind beide Banken bei 61,9 Prozent der Konsortialkredite im Maschinenbausektor vertreten und stellen dort 84,9 Prozent des Kapitalvolumens. 44,3 Prozent beziehungsweise 82,2 Prozent des Kreditvolumens sind es im Automotive-Bereich. Ausgerechnet Unternehmen dieser beiden Branchen tun sich momentan schwer bei Refinanzierungen. Das sorgt vor allem bei den Finanzentscheidern von mittelständischen Unternehmen aus diesen Branchen für Unsicherheit, weil sich im Zweifel nicht so leicht Alternativen auftun.

Balkendiagramm, jeweils zuerst der Anteil an der Zahl der Fiannzierungen, danach der Volumenanteil. Von oben nach unten. Erster Balken Maschinenbau 62%/85%; Automobil 44%/82%; Utility&Energie 32%/64%; Bauindustrie 32%/33%; Dienstleistungen 31%/69%; Computer&Elektronik 30%/45%; Gesundheitswesen 28%/50%; Chemie 27%/46%; Transport 26%/34%
Beteiligung von Commerzbank und Unicredit am Volumen und der Zahl von Konsortialkrediten für verschiedene Branchen in Prozent© FINANCE. Quelle: FCF Fox Corporate Finance, Ad-hoc Analyse Mittelstand: Auswirkungen einer potentiellen Übernahme der Commerzbank durch die Unicredit auf den Konsortialkreditmarkt in Deutschland, Oktober 2025

Neben der Kreditvergabebereitschaft nennt Lange aber noch einen weiteren Aspekt, der aus seiner Sicht bei einer Übernahme gerade für Mittelständler zum Problem werden könnte: den wachsenden Einfluss in bestehenden Konsortien. Ein Zusammenschluss der deutschen Unicredit-Tochter Hypovereinsbank (HVB) und der Commerzbank würde dafür sorgen, dass die Macht der neuen Einheit in bestehenden Konsortien deutlich zunimmt - ein Umstand, der dem Gros der CFOs nicht gefallen dürfte. „Das hat sich bereits bei früheren größeren Zusammenschlüssen im deutschen Bankenmarkt gezeigt, etwa bei der Deutschen Bank und der Postbank oder bei der Commerzbank und Dresdner Bank“, sagt der FCF-Partner.

Unicredit setzt bei Kreditvergabe auf größere Tickets

Dies gelte insbesondere für jene Unternehmen, bei denen aktuell eine Refinanzierung anstehe. „Wir beobachten derzeit, dass beide Häuser bei der Kreditvergabe sehr aktiv sind“, berichtet Lange. Während sich die Commerzbank weiterhin als Mittelstandsbank breit positioniert, setzt Unicredit auf größere Ticketgrößen. „Unicredit scheut sich beispielsweise bei Finanzierungen im Mittelstand über 100 Millionen Euro nicht, das Ticket auch allein zu übernehmen“, sagt er.

Auch die Commerzbank hat bei der Kreditvergabe zuletzt nochmal eine Schippe draufgelegt: Das ausgereichte Kreditvolumen kletterte in den ersten neun Monaten dieses Jahres um 13 Prozent auf 113 Milliarden Euro. Das kommt auch in der Wahrnehmung der Firmenkunden an: Im FINANCE Banken-Survey 2025 nennen sechs von zehn befragten CFOs und Treasurern die Gelben als führende Bank hierzulande - mit Abstand Platz 1.

Die Bedeutung beider Häuser, vor allem in der Mittelstandsfinanzierung, ist damit zuletzt eher gestiegen. Grund genug für viele Unternehmen, sich mit Blick auf eine mögliche Übernahme Gedanken über die Bankbeziehungen zu machen. „Bei anstehenden Refinanzierungen beobachten wir aktuell, dass CFOs bewusst versuchen nur eines der beiden Häuser in ihre Konsortien aufzunehmen“, erläutert Lange.

Eine Beobachtung, die gleich mehrere Financial Advisors gegenüber FINANCE bestätigen. „Bei Finanzierungen und Refinanzierungen ist die mögliche Übernahme schon laufend ein Thema“, bestätigt auch ein Partner aus dem Finanzierungsteam einer internationalen Großkanzlei in Frankfurt am Main.

CFOs fürchten Risiken

Ein weiterer Berater, der namentlich nicht genannt werden möchte, berichtet von einem konkreten Fall, bei dem die Commerzbank wegen der aktuellen Unsicherheit aus dem Co-Lead bei einer Finanzierung im dreistelligen Millionenbereich herausgefallen sei. Auch Wettbewerber der beiden Geldhäuser berichten von Gesprächen mit CFOs, die eine Erweiterung ihres Kernbankenpools erwägen; auch manche General Counsel raten dazu, um die Risiken für die Unternehmen gering zu halten.

Den Beobachtungen zum Trotz: Von großen Kundenbewegungen weg von den beiden Häusern kann bislang nicht die Rede sein. Dazu ist ihre Bedeutung für deutsche Unternehmen aus dem (gehobenen) Mittelstand einfach zu groß.

Ein Unsicherheitsfaktor bleibt, da sind sich die von FINANCE befragten CFOs und Treasurer einig: die Frage nach dem künftigen Einfluss aus Italien. Befürchtet wird, dass Kreditentscheidungen hierzulande nach einer Übernahme der Commerzbank künftig in Mailand fallen könnten. „Seit sie eine GmbH und damit eine direkte Unicredit-Tochter ist, ist die HVB deutlich weniger eigenständig und Mailand regiert stärker rein als früher“, berichtet ein Insider. Allerdings falle dies den Kunden gewöhnlich nicht auf.

Die HVB selbst will dies jedoch nicht bestätigen. So betonte deren Firmenkunden-Co-Chef Martin Brinckmann im Frühjahr im Gespräch mit FINANCE: „Am engen Kontakt mit unseren Kunden hat sich nichts geändert, jede Kreditentscheidung fällt in München.“ Wenngleich bei manch größerem Engagement die Entscheidung nochmal im gruppenweiten Kreditkomitee beleuchtet werde. Ab welchen Ticketgrößen dies der Fall sei, will die Bank auf Anfrage jedoch nicht verraten.

Übernahmekrimi: die große Frage nach dem Wann

CFOs sollten das Thema in jedem Fall genau verfolgen, ist FCF-Partner Lange überzeugt. „Generell sollten Unternehmen ihre Finanzierung analysieren und die Auswirkungen möglicher Veränderungen bei Kreditgebermehrheiten oder -sperrminoritäten im Blick behalten“, rät er. Gegebenenfalls könnten CFOs eine vorzeitige Refinanzierung bestehender Konsortialkreditverträge in Erwägung ziehen, um ihre Unabhängigkeit und Finanzierungsspielräume aufrechtzuerhalten.

Zudem empfehle es sich, vorsorglich Beziehungen zu weiteren Banken aufzubauen. Denn dass es tatsächlich zu einem Übernahmeversuch kommt, bezweifelt kaum einer der Gesprächspartner, wenngleich bei der Frage nach dem Wann und Wie die Erwartungen auseinandergehen. „Es geht um die Relevanz von Unicredit auf dem europäischen Markt, dafür braucht sie mehr Größe“, sagt ein Frankfurter Finanzierungsanwalt.

Die Entwicklungen bei der HVB sprechen für eine Übernahme: So habe Mailand bei der deutschen Tochter nicht nur durch die Umwandlung zur GmbH den Grundstein für einen Zusammenschluss mit der Commerzbank gelegt, sondern auch deren Personal auf ein absolutes Minimum reduziert, erläutert ein Kenner der Bankenszene: „Die HVB ist gewissermaßen zur Fusion verdammt.“ Wie der Krimi weitergeht, bleibt damit also spannend.

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