#togetherstronger mit Laura Gelhaar

Laura Gehlhaar im Interview über Inklusion, Selbstbestimmung und Finanzen.

Laura Gehlhaar schaut auf die Straße. Laura Gehlhaar ist Aktivistin für Inklusion und Unternehmerin. Dass sie in Berlin ein unbeschwertes Leben führen kann, hat auch mit ihren Finanzen zu tun, sagt sie.

Laura Gehlhaar ist erfolgreiche Unternehmerin und Aktivistin. Sie sagt: „Geld ist nicht alles – aber es ermöglicht mir ein selbstbestimmtes Leben.“ Was Finanzen mit Freiheit, Verantwortung und fairen Chancen zu tun haben, verrät sie im Gespräch.

Wenn ein großer Konzern in Deutschland Fragen hat zum Thema Inklusion, dann klingelt nicht selten das Telefon von Laura Gehlhaar. Angefangen hat sie irgendwann mit einem Blog. Heute ist sie eine der wichtigsten Beraterinnen in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion und steht Unternehmen vom Theater bis zur Fluggesellschaft mit ihrer Kompetenz zur Seite. Die Meinung der Autorin und Aktivistin ist nicht gefragt, weil sie selbst seit ihrem 22. Lebensjahr im Rollstuhl sitzt, sondern weil sie klare Ansagen macht – und trotz ernster Themen nur selten den Humor verliert.

Über 28.000 Menschen folgen ihr bei Instagram, regelmäßig ist sie zu Gast in Talkshows – Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale zum Beispiel. Doch auch wenn Laura gerne lacht: Beim Thema Selbstbestimmung hört bei ihr der Spaß auf. Und zur Selbstbestimmung gehört für sie Geld: Geld ermöglicht ihr freie und spontane Entscheidungen – wie den Kauf ihres Handbikes, das sie mobiler macht.

COMMERZBANK: Laura, wir stecken seit Beginn der Pandemie in einer Ausnahmesituation. Wie hast Du die Corona-Zeit erlebt?


LAURA GEHLHAAR: Ich habe vor allem viel über mich und meine Zukunft nachgedacht. Vor März 2020, also dem Beginn der Pandemie in Deutschland, habe ich mich nicht sonderlich intensiv mit meiner beruflichen Zukunft befasst. Der erste Lockdown änderte dann alles: Wir haben uns ja alle mehr oder weniger in den eigenen vier Wänden aufgehalten und waren so vielleicht mehr bei uns selbst als wir das vor Beginn der Pandemie waren. Bei mir hat sich das so ausgewirkt, dass ich mich gefragt habe: Wie möchte ich in Zukunft leben? Wo möchte ich meinen Arbeitsfokus setzen? Wie teile ich meine Zeit ein, wie stelle ich mich finanziell auf und wo liegen meine Werte? Zum Beispiel habe ich mit dem Bloggen komplett abgeschlossen und konzentriere mich beruflich auf die Beratung von Unternehmen.

Du berätst Unternehmen beim Thema Inklusion. Was ist für Dich das Beste an der Selbstständigkeit?


Das allererste was mir einfällt ist, dass sie meiner Behinderung unglaublich guttut. Dass ich meine Zeit selbst einteilen kann, ist das Beste – aber auch das Schwierigste daran. Denn wenn ich einmal angefangen habe zu arbeiten, kann ich oft nur schwer wieder aufhören. Ich habe erst mit den Jahren lernen müssen, auf Signale meines Körpers zu hören, der vielleicht einfach nicht so belastbar ist wie ein nicht behinderter Körper. Wenn ich mir heute meine Jobs und meine Zeit einteile, weiß ich genau: Okay, bei den Jobs, die ich jetzt machen werde, wird sich kein Stress aufbauen. Ich kann mich mit unglaublicher Ruhe auf meine Projekte konzentrieren. Das ist toll. Und ich sehe, dass ich meine Arbeit gut mache, weil ich sie ohne Stress mache.

Wie kamst Du überhaupt dazu, Dich selbstständig zu machen?


Über Umwege. Ich habe Sozialpädagogik und Psychologie studiert. Nach dem Studium arbeitete ich zunächst als Angestellte, erst in der Psychiatrie, dann in einer Werbeagentur. Ich kam auf mindestens 40 Stunden im Büro – oder auch mal 60 Stunden, wie das in der Werbung gerne mal passiert. Ich merkte schnell, dass ich so nicht bis zu meiner Rente weitermachen kann. Rein körperlich, aber auch mental. Also habe ich meine Festanstellung hingeschmissen und mich ganz neu orientiert.

Was ist die größte Herausforderung für Dich bezüglich der Selbstständigkeit?


Da kommen wir zum lieben Geld: Aktuell weiß ich noch nicht, wie es ab Oktober 2022 weitergeht. Nur bis dahin ist die Auftragslage sicher. Das kenne ich seit vielen Jahren, und ich habe diese Zuversicht, dass es weitergeht, aber trotzdem: Seit letztem Jahr wissen wir ja, wie schnell völlig Unvorhersehbares passieren kann. Und deshalb muss ich mir Gedanken machen, wie ich eine Zeit gut überbrücken könnte, in der es für mich beruflich mal nicht so flüssig läuft. Das hat viel mit Verantwortung zu tun, aber auch mit der Bewusstmachung: Was brauche ich eigentlich zum Leben? Welche Dinge in meinem Alltag machen mich froh, für die ich Geld bräuchte?

Wie gehst Du grundsätzlich mit Geld um?


Ich glaube, ich kann gut mit Geld umgehen, weil ich meine Möglichkeiten kenne und einen guten Überblick über meine Finanzen habe. Das ist extrem wichtig für jede:n, egal ob man selbstständig ist oder nicht. Aber diese Beziehung zu Geld muss man sich über die Jahre erarbeiten. Und sie verändert sich auch: Wenn man zum Beispiel Prioritäten im Leben neu setzt oder neue Bedürfnisse hat – und vielleicht mehr Geld bräuchte, als einem zur Verfügung steht.

Selbstständigkeit bedeutet auch, dass Du deine Kompetenz verkaufen musst. Wie machst Du das?


Ich habe mittlerweile ein gutes Selbstbewusstsein und weiß, was meine Arbeit wert ist. Und ehrlich, ich finde, es gibt einfach nichts Schöneres als Verhandeln. Ich weiß nicht warum – das ist irgendwie so eine Sache, vor der viele einen großen Respekt, vielleicht sogar Angst haben. Ich liebe das!

Vielleicht, weil wir insgesamt zu wenig über Geld sprechen?


Ich rede allein aus beruflichen Gründen oft über Geld, das gehört vor jedem neuen Projekt dazu. Aber auch privat finde ich das wichtig. An dem Satz „Geld allein macht nicht glücklich“ ist sicher was dran. Aber mit Geld kann ich mir Dinge ermöglichen, die mich glücklich machen. Ich kann mir damit Freiheit sichern oder erkaufen. Die Freiheit, dass ich in meinem Alltag spontane Entscheidungen treffen kann. Ich möchte zum Beispiel gerne zu meinem Freund sagen können: „Liebling, nächsten Monat: zwei Wochen Griechenland!“. Diese Flexibilität ist mir extrem wichtig.

Was war bisher die größte Investition für deine Freiheit?


Mein erstes Handbike. Ich konnte damals den Kampf mit der Krankenkasse um die Bewilligung nicht austragen – das hätte mindestens ein Jahr gedauert, bis das dann vielleicht genehmigt worden wäre. Deshalb habe ich es selbst gekauft, mit Unterstützung meiner Eltern, damals im Studium. Ich hatte meinen Rollstuhl noch nicht lange und habe durch das Handbike ein komplett neues Lebensgefühl gewonnen. Seit 2019 fahre ich ein Handbike, dass mir die Krankenkasse finanziert hat, worüber ich mich sehr freue. Ich kann überall selbstständig hinfahren – und das vor allem schneller als je zuvor. Ich rase damit richtig durch die Stadt! Das tut mir unglaublich gut. Daneben investiere ich immer wieder in Reisen, nach Mexiko und in die USA zum Beispiel. Dafür Geld auszugeben, ist einfach total wohltuend.

Hast Du Strategien, um Dir Freiheit zu erhalten oder auszubauen? Sicherst Du Dich z. B. in der Selbständigkeit ab oder legst Du Geld an?


Ich glaube, man kann nicht früh genug mit dem Sparen anfangen. Ich habe allerdings auch erst begonnen, als ich darüber nachgedacht habe: Was mache ich eigentlich, wenn ich nicht mehr arbeiten will – oder nicht mehr arbeiten kann? Mit Mitte 50 sagen zu können: So, ab jetzt arbeite ich nicht mehr – und beim Blick auf mein Konto oder meine Anlagen zu wissen, dass ich mir monatlich Betrag X auszahlen und ein schönes Leben haben kann, das ist für mich auch ein Begriff von Freiheit. Deshalb lege ich seit Kurzem monatlich Geld zur Seite, in ETFs. Ich habe mein eigenes Depot und schaue, dass ich da regelmäßig einzahle, vielleicht irgendwann sogar einen höheren Betrag.

Also: „To get her stronger“?


Das ist echt ein super Wortspiel! (lacht) Frauen oder Personen, die sich als Frau identifizieren und/oder gelesen werden, mussten sehr lange für ihre Rechte kämpfen und müssen es immer noch. Sie werden in vielen Dingen unterdrückt und diskriminiert. Das kann so nicht bleiben und das müssen wir gemeinsam ändern. Ich erlebe in meinem eigenen Freundeskreis einen guten Zusammenhalt. Das finde ich extrem wichtig und empowernd, weil dieser Austausch uns alle motiviert und inspiriert.

Also eher: „Together stronger“?


Ich wünsche mir vor allem Akzeptanz und Wertschätzung der Vielfalt. Ich glaube fest daran, dass wir als Gemeinschaft einfach sehr divers sind. Und das sind wir, seitdem es Menschen gibt – also schon sehr, sehr lange. Viele von uns sind aber aufgrund von Diskriminierung und Marginalisierung völlig untergegangen. Dass jemand seine Rechte einfordert, ist man von Menschen mit Behinderungen nicht gewöhnt. Zum Glück ändert sich das so langsam. Auch für mich war es ein langer Prozess, bis ich lauter wurde. Dabei fordere ich nur die gleichen Rechte ein, die meine nicht behinderten Freund:innen, Kolleg:innen, Eltern und Geschwister haben.

Gibt es Situationen im Zusammenhang mit Finanzen, in denen Du Dich ausgebremst fühlst oder wo Du Dir mehr Inklusion wünschst?


Aber ja! Eine Behinderung ist mit unheimlich vielen Kosten verbunden. Dieser Kostenfaktor muss oft privat getragen werden, weil es so viele Hürden gibt, die umgangen oder niedergerissen werden müssen.

Welche Hilfsmittel genau?


Am klarsten wird es beim Thema Assistenz. Assistenz bedeutet, da ist jemand, der mich durch den Alltag begleitet und mir pflegend zur Seite steht, damit ich als behinderter Mensch aus dem Bett komme, mich anziehen kann, zur Arbeit fahren, Freund:innen treffen oder ins Kino gehen kann und so weiter. Wenn man eine Assistenz beschäftigt, wird man zur Arbeitgeberin – und fällt automatisch unter den Sozialhilfe-Status. Nur behinderte Personen, die auf Assistenz angewiesen sind, müssen einen Teil ihres Einkommens/Vermögens abgeben. Das bedeutet, alles was über den Vermögensschonbetrag in Höhe von 5.000 Euro hinausgeht wird vom Staat eingezogen. Das ist so ähnlich wie bei Arbeitslosengeld II – oder die Assistenz wird nicht mehr bezahlt. Dann steht man vor der Entscheidung: Lasse ich es und komme eben vielleicht nicht allein vor die Tür – oder bezahle ich das selbst, wenn ich es mir überhaupt leisten kann? Viele Menschen mit Behinderung stehen in Deutschland vor einer Mauer, die sie allein nicht einreißen können. Und das ist sehr frustrierend.

Wie gehst Du selbst damit um?


Meine Perspektive ist sehr privilegiert, und der Fakt, dass ich mir als behinderte Frau so eine Selbstständigkeit aufgebaut habe, eine Ausnahme. Der Regelfall ist, dass behinderte Menschen in Deutschland an der Armutsgrenze leben und von dort nicht wegkommen – eine unglaubliche Diskriminierung. Und im Fall der Selbstständigkeit: Man stelle sich vor, ich habe eine persönliche Assistenz. Wenn ich an einem großen Projekt gearbeitet habe und am Ende eine Rechnung stelle, dann müsste ich einen Teil davon an das Sozialamt abgeben. Ich hätte gar nicht mehr die Motivation, diesen Job zu machen, weil ich denken würde: Für was arbeite ich dann eigentlich? Das ist eine riesige Bremse, was die Selbstbestimmung betrifft. In ETFs oder Aktien zu investieren oder überhaupt etwas fürs Alter anzusparen, würde sich für eine behinderte Person, die auf Assistenz angewiesen ist, überhaupt nicht lohnen. Man darf nur einen gewissen Betrag X besitzen und alles darüber hinaus, wird eingezogen. Sparen ist damit überhaupt nicht möglich.

Was wäre eine Lösung?


Dass bei behinderten Personen das Einkommen vom Vermögen getrennt wird, wie es in allen anderen Ländern seit Ewigkeiten schon passiert. Nur Deutschland hat es bis jetzt nicht geschafft, diese Diskriminierung aus dem Weg zu räumen. Und das Krasseste ist: In der UN-Behindertenrechtskonvention von 2008 steht eigentlich sehr genau, welche Rechte behinderte Menschen in der UN und speziell auch in Deutschland haben sollen. Es ist ein unglaublicher Skandal, dass das immer noch in so vielen Bereichen nicht umgesetzt wird.

Wo siehst Du den größten Handlungsbedarf?


Nehmen wir uns die Privatwirtschaft vor, die immer noch nicht zur Barrierefreiheit verpflichtet ist. Während das in anderen Ländern seit Jahren gang und gäbe ist, werden in Deutschland weiter Menschen ohne die verpflichtende Barrierefreiheit ausgeschlossen. Was nützt es, wenn ein Bankautomat barrierefrei ist, aber die Umgebung, in der der Automat steht, nicht zugänglich ist? Wir als behinderte Menschen müssen in Deutschland immer noch ganz grundlegende Rechte einfordern. Was vielen immer noch nicht klar ist: Inklusion ist keine Charity-Veranstaltung. Inklusion ist ein Menschenrecht, das nicht nur Teilhabe ermöglicht, sondern auch die aktive Mitgestaltung unserer diversen Gesellschaft. Und deshalb setze ich mich für mehr Inklusion von Menschen mit Behinderungen in der deutschen Gesellschaft ein.

Vielen Dank für das offene Gespräch, liebe Laura!


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In ihrem Buch „Kann man da noch was machen? Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin“ (erschienen bei Heyne) gibt es viele denkwürdige Anekdoten der Unternehmerin. Mit entwaffnender Selbstironie schreibt sie über den Alltag auf vier Rädern – eine absolute Leseempfehlung!