2024 könnte ein überraschend gutes Jahr werden

Firmenkundenbanker der Commerzbank nach Investorentag in den USA optimistisch für deutsches Eigenkapitalmarktgeschäft

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Philipp Habdank

mit freundlicher Genehmigung der Börsenzeitung

Porträts von Roland Boehm und Michael Kilka
Roland Boehm (links) ist als Bereichsvorstand bei der Commerzbank für das Geschäft mit internationalen Firmenkunden verantwortlich. Michael Kilka (rechts) leitet das Geschäft mit deutschen multinationalen Firmenkunden und verantwortet die globalen Sektorteams der Commerzbank.
Einmal im Jahr bringen die Commerzbank und Oddo BHF deutsche Börsenkonzerne mit US-Investoren zusammen. Nach der mehrtägigen Konferenz schöpfen die beiden Firmenkundenbanker Roland Boehm und Michael Kilka Hoffnung für das zuletzt brachliegende Eigenkapitalmarktgeschäft in Deutschland.

Nach zwei schwierigen Jahren mit kaum Börsengängen in Deutschland hofft die Commerzbank, dass das Kapitalmarktberatungsgeschäft in diesem Jahr wieder anzieht. „2024 könnte ein überraschend gutes Jahr werden, sowohl für die Eigenkapitalmärkte als auch die Fremdkapitalmärkte“, sagt Roland Boehm im Gespräch mit der Börsen-Zeitung. Er verantwortet als Bereichsvorstand das Geschäft mit internationalen Firmenkunden.

Die für Banken lukrativen Provisionserlöse aus der Beratung zu Börsengängen oder Kapitalerhöhungen waren zuletzt angesichts schrumpfender Emissionszahlen stark zurückgegangen. Laut Refinitiv sank die Anzahl von Eigenkapitalmarkttransaktionen in Deutschland seit 2021 um rund 56% auf 70 Emissionen. Das Transaktionsvolumen sackte bis Ende 2023 um rund zwei Drittel auf 11,7 Mrd. Euro ab.

Die neue Hoffnung schöpft Böhm aus einer mehrtägigen Investorenkonferenz, die die Commerzbank vergangene Woche zusammen mit Oddo BHF in den USA ausgerichtet hat. Seit 26 Jahren bringt die Bank nach eigener Aussage für das German Investment Seminar (GIS) in New York das Who’s who der deutschen Wirtschaft mit US-Investoren zusammen. Die Commerzbank liefert die Unternehmen, Oddo die Investoren, so das Konzept.

Geteiltes Stimmungsbild

Fast durchgehend CEOs und CFOs von 62 börsennotierten deutschen Unternehmen, davon 85% aus dem Dax oder MDax, hätten über drei Tage 350 überwiegend US-amerikanischen Eigenkapitalinvestoren in über 1.500 Meetings ihre Equity Story präsentiert. „Dieses Jahr war es wichtiger denn je, die Geschichte zu erzählen, und das so früh wie möglich im Jahr, bevor der Wahlkampf in den USA so richtig losgeht“, sagt Michael Kilka. Er verantwortet das Geschäft mit deutschen, internationalen Firmenkunden und leitet die globalen Sektorteams der Commerzbank.

"Dieses Jahr war es wichtiger denn je, die Geschichte zu erzählen"

Die Konferenz liefere ein gutes Stimmungsbild für die international tätigen und geografisch diversifizierten Großkonzerne in Deutschland. Kilka machte auf der Konferenz drei Stimmungsblöcke aus. Da waren Unternehmen aus Sektoren, wo es gut laufe, wie beispielsweise der Pharma-, Technologie- oder der Halbleiterindustrie, und wo es vordergründig um Wachstumsthemen ging. Dann gab es die Gruppe, wo es überwiegend um die technologische Transformation ging, wie beispielsweise bei Unternehmen aus der Automobil- und Energieindustrie. Die dritte Gruppe bildeten die Sektoren, wo die Situation derzeit konjunkturell schlechter ist – wie zum Beispiel Chemie oder Retail.

Laut Boehm ist zu Beginn der Veranstaltung aufseiten der Investoren schon Skepsis zu spüren gewesen, doch im Laufe der Veranstaltung habe sich die Stimmung deutlich aufgehellt. Schließlich sei die Story von Deutschland auch nicht uneingeschränkt negativ. Deutschland habe nach wie vor einen guten Ruf, und den Unternehmen gehe es gut. „US-Investoren haben weiterhin Interesse an deutschen Unternehmen“, so Boehm.

Für deutsche Börsenunternehmen sind US-Geldgeber weiterhin die wichtigste Investorengruppe. Einer Untersuchung von S&P Global zufolge kamen Stand Ende 2022 rund 43% der Dax-Investoren aus Nordamerika. Doch eine Sache hat sich verändert: „Wir sind es in Deutschland nicht mehr gewöhnt, uns erklären zu müssen“, sagt Boehm, demzufolge das Siegel „Made in Germany“ in Investorengesprächen lange Zeit die halbe Miete gewesen sei. Dem ist nicht mehr so. Aktuell müssten deutsche Unternehmen ihre Equity Story besser erklären und Investoren darlegen, wie ihre Geschäftsmodelle trotz Zinswende, Energiekrise und geopolitischer Unruhen funktionieren.

"Wir sind es in Deutschland nicht mehr gewöhnt, uns erklären zu müssen"

Laut Kilka stellten Investoren auf der Veranstaltung viele wiederkehrende Fragen zum Thema Energiesicherheit und den aus der Energiewende entstehenden Energiekosten. Auch zum regulatorischen Umfeld, zur Inflation oder zur Bürokratie in Deutschland habe es viele Fragen gegeben. „Mein Eindruck war, dass deutsche Großkonzerne darauf klare Antworten hatten“, so Kilka. Deutsche Konzerne seien schon während der Coronazeit widerstandsfähiger geworden und ohnehin global gut aufgestellt, mit Standorten von Asien bis in die USA.

Eine Teilantwort dürfte vermutlich lauten, dass deutsche Konzerne ihre Investitionen ins Ausland verlagern. Laut Stefanie Münz hat Deutschland ein echtes Standortproblem: „Bei unseren global ausgerichteten Kunden führt das zu verstärkten Überlegungen und auch bereits zu Entscheidungen, Investitionen und Produktionen ins Ausland zu verlagern“, so die LBBW-Finanzchefin neulich im Interview der Börsen-Zeitung.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Die seit Corona aufgeschobenen Investitionen weiter aufzuschieben ist laut Boehm keine Lösung, da die Komplexität nicht geringer werde. Unternehmen hätten inzwischen mehr Klarheit, was mit Blick auf Investitionen in Europa möglich ist und was nicht. „Und die USA sind auch aufgrund des Inflation Reduction Act für deutsche Konzerne ein sehr attraktiver Investitionsstandort“, so Boehm, der das Gefühl hat, dass Unternehmen dieses Jahr mehr Investitionsentscheidungen treffen werden.