„Durch Liebe werden Dornen zu Blumen.”

Jacob Fatih, Unternehmer aus Essen, im Interview

Gründer Jacob Fatih steht lässig vor einem leuchtenden Wandkunstwerk

Die grauen Haare sind durch eine Baseballmütze verdeckt, die tätowierten Arme durch den schwarzen Hoodie, über dem eine schwere, silberne Kette hängt. Ein markantes Äußeres, bei dem die Jogginghose und die Sneaker überhaupt nicht mehr auffallen. Von den Schuhen hat Jacob Fatih ungefähr 1.000 Exemplare. Fein säuberlich in Regalen aufgestellt, so wie woanders wertvolle Bücher in einer Bibliothek. Jacob Fatih bezeichnet sich selbst lachend als „Opfer“. So werden in der Szene Konsumenten genannt, die auf jede Neuheit im Streetwear-Markt abfahren. Als Unternehmer ist er mit KICKZ selbst in diesem Business – sehr erfolgreich und mit einer unglaublichen Geschichte, die an eine amerikanische Tellerwäscherkarriere erinnert.

Als was für einen Typen würdest du dich bezeichnen?

Jacob Fatih: Boah, eigentlich als einen ganz normalen durchschnittlichen Typen. Ich bin passionierter Unternehmer und total an Sport interessiert. Außerdem denke ich von Natur aus sehr, sehr positiv – auch bei den größten Herausforderungen.

Würdest du dich als ehrgeizig bezeichnen?

J.F.: Ja, durchaus, indem ich meine Ziele verfolge und nicht aufgebe. Nur Geld zu verdienen, ist schon lange nicht mehr mein Motiv. Ich habe gemerkt, dass Leidenschaft, Herz, Seele und der Glaube an sich selbst, sowie an die Sache viel wichtiger sind. Geld zu verdienen ist daraus die logische Konsequenz. Aber ich muss zugeben, ich habe schon in jungen Jahren sehr unternehmerisch gedacht.

Jacob Fatih ist 1975 in Teheran geboren, er hat zwei Brüder, der Vater arbeitete an der dortigen Universität als Professor der Philosophie, die Mutter managte, wie er sagt, die Familie. Die Familienbibliothek war sein Rückzugsort. Hier versank er in der Welt des Erfolgs, las Kurzbiographien von Milliardären: Aristoteles Onassis, John D. Rockefeller und andere große Männer, die in den Jahren des Wirtschaftswunders weltweit für Reichtum und auch Glamour standen.

Ich war damals, ich kann es nicht mehr genau sagen, neun oder zehn Jahre alt. Die Biografien waren meine Heldensagen. Ich habe sie geliebt, hatte beim Lesen Schmetterlinge im Bauch. Die Stunden in der Bibliothek waren meine unternehmerische Initialzündung.

Als Schüler gründete er Studio Palermo, nahm Kassetten mit westlicher und verbotener iranischer Musik auf und verkaufte sie. Nebenbei arbeitete er als Dolmetscher für Kroatisch. Die Sprache hatte er als Kind während eines Aufenthaltes mit seinen Eltern in Kroatien gelernt. Für einen pubertierenden Jungen klingt das sehr ungewöhnlich, aber bei allem, was Jacob so neben der Schule anstellte, hatte er eine sehr intensive Bindung zu seinem Elternhaus. Vor allem zu seinem Vater. Einmal die Woche hatten die beiden einen, heute würde man sagen, Jour fixe. Die jeden Freitag für eine halbe Stunde geplanten Treffen in der Bibliothek zogen sich oft stundenlang hin. Gespräche über das Leben, die Jacob tief geprägt haben.

J.F.: Ich habe meinen Vater vergöttert, der ein total positiver Mensch war, der mir sehr viel gegeben hat. Vor allem Selbstbewusstsein, aber auch Verständnis für Pünktlichkeit, Ausdauer, Fleiß und Haltung. Dabei hat er immer seine drei Füllfederhalter geputzt und neu mit Tinte aufgezogen. Und diese Gespräche habe ich immer noch sehr im Kopf. Mein Vater war ein Mann voller Weisheiten. Er konnte ganz toll schreiben, auf einem meiner Arme habe ich ein Tattoo in seiner Handschrift mit einem Spruch von Rumi, dem berühmten iranischen Mystiker: „Durch Liebe werden Dornen zu Blumen.” Allerdings hatte mein Vater einen ganz anderen Maßstab für Erfolg als ich. Eine akademische Ausbildung und ein Doktortitel, waren ihm wichtig. Viele, viele Jahre später, als ich schon Unternehmer in Deutschland war, hat er immer noch zu mir gesagt: „Jacob, du musst noch deinen Doktortitel machen.“ Im Iran ist es ja so, dass du nicht für dich studierst, sondern für deine Eltern.

Jacob Fatih hat es zumindest versucht. Nach dem Abitur begann der Jungunternehmer Pharmazie zu studieren. Ein Fach, das ihn nicht wirklich interessierte, aber gut für weitere Geschäfte war. Und der Anfang vom Ende einer unbeschwerten Zeit, hin zu einer tiefgreifenden Veränderung, die Jacob heute als „den glücklichsten Unfall meines Lebens“ bezeichnet. Ein Schicksal, das eng mit dem des weltberühmten Schriftstellers Salman Rushdie verknüpft ist, der wegen seines Buches „Die satanischen Verse“ vom damaligen Staatschef und Religionsführer Chomeini mit der Fatwa belegt wurde und bis heute weltweit verfolgt wird. Auf Bitten von Kommilitonen übersetzte Jacob das Buch aus dem Englischen ins Persische. Bis der Geheimdienst dem Jungverleger auf die Schliche kam und sein Vater nur noch einen Ausweg wusste: weg aus dem Iran, in einem LKW über die Grenze in die Türkei, weiter nach Frankreich, irgendwann nach Essen, wo seine Brüder damals lebten. 1998, mit 23 Jahren.

J.F.: Das hat sich erst mal als Absturz angefühlt. Aber ich habe Glück gehabt – und schnell gemerkt, wie cool Deutschland ist und dass die Werte, die ich von meinem Vater gelernt habe, hier gelebt werden.

Ich liebe die Ruhrpott-Mentalität: offen, herzlich, aber auch sehr direkt und ehrlich. Und dass man sein Recht bekommen kann, egal wo man herkommt. Und diese Freiheit, das war alles für mich faszinierend und neu.

Ganz anders als in meiner Heimat. Ich habe schnell gelernt, hatte schnell einen Zugang zur Fitnessbranche und habe schnell Karriere bei McFit gemacht – der Rest ist Geschichte.

Geschichte, über die Jacob nicht so gerne reden möchte, weil sie für ihn nichts Besonderes ist. Mit Ende 20 ein Immobilienunternehmen in Nordrhein-Westfalen gegründet, danach mit FitX die zweitgrößte Fitnesskette Deutschlands, später YT-Industries, ein weltweiter Onlineshop für Mountainbikes. Tausende von Mitarbeitern, Firmenverkäufe und -zukäufe. Über den Wert seiner Geschäftsbeziehungen spricht er lieber als über sein Vermögen. Den Bereichsvorstand der Commerzbank, Mario Peric, zum Beispiel hat er zwar bei einem Businesslunch kennengelernt, Geschäftsgespräche führen die beiden aber in privater Umgebung in freundschaftlichem Ton, manchmal auch beim Tischtennisspielen.

J.F.: Ich habe sehr früh gemerkt, dass ein Wertefundament das Wichtigste für ein Unternehmen ist. Es ist wie in einer guten Familie. Man muss offen und ehrlich zueinander sein. Alles, was man macht, muss sich gut anfühlen. Natürlich habe ich sehr viel in meinem Leben erreicht, aber jetzt will ich Spuren hinterlassen.

Mit dem Inkubator Crealize will er 1.000 Startups und junge Firmen begleiten, seine Erfahrungen und Werte weitergeben. Mit Hilfe der Commerzbank wird er einen Campus im Essener Stadtteil Westviertel eröffnen – CREA-LIZE, eine Mischung aus Kreativität und Realisierung.

J.F.: In jedem von uns steckt ein Unternehmergen. Es zu entdecken und zu leben ist aber harte Arbeit. Ich bin durch Täler gegangen, aber ich habe nie aufgegeben, weil ich immer an mich geglaubt habe. Und man muss zuhören, für andere da sein. Auch wenn es manchmal sehr anstrengend ist: ich habe gelernt, die Fäuste in den Hosentaschen zu lassen. Damit bin ich gut gefahren und das soll bis ans Ende meines Lebens so bleiben.

Fotos: Axel Martens

Text: Peter Lewandowski