Christiane Vorspel dirigiert das agile KI-Orchester der Commerzbank

Im Interview mit der Börsen-Zeitung spricht die Chief Operating Officer der Commerzbank über den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Bank.

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Anna Sleegers

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Börsen-Zeitung

19.02.2026

Im Gespräch mit Christiane Vorspel
© Alexandra Lechner
Beim Einsatz künstlicher Intelligenz hat die Commerzbank die Laborphase hinter sich gelassen. IT-Vorständin Christiane Vorspel setzt darauf, mit Hilfe von autonom agierenden Agenten die Modernisierung der Anwendungslandschaft vorantreiben zu können.

Ava, Sherlock und ganze Entwicklerteams von virtuellen Agenten – wenn IT-Vorständin Christiane Vorspel über den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) spricht, wird klar, dass sie die neue Technologie als eine Art Superpower sieht. Eine, mit der sich nicht nur immer häufiger einfache Kundenanliegen abschließend bearbeiten lassen, wie mit dem 2025 lancierten Avatar Ava. Oder die Kundenberatern und anderen Commerzbank-Beschäftigten hilft, sich mit Sherlock mühelos im Dschungel der konzernweitern Prozesse und Vorgaben zu orientieren. Sondern mit der sich auch das ewige Problem aller IT-Verantwortlichen beheben lässt: der Mangel an Entwicklungsressourcen.

Humane Intelligenz bleibt zentral

Doch so disruptiv die neue Technologie auch sein mag: Menschliche Intelligenz bleibt für die Chief Operating Officer der Commerzbank auch in der KI-Ära zentral: „Trotz aller technologischen Fortschritte lenkt bei uns der Mensch das Geschehen. Wir bestimmen den Anwendungsbereich und den Autonomie-Grad unserer KI.“

Nicht bloß eine Phrase

Was ein bisschen wie eine Managerphrase klingt, um Sorgen von Kunden, Aufsehern und Beschäftigten zu zerstreuen, kann Vorspel schnell mit Leben füllen. Und zwar an einem Beispiel, das der Informatikerin mit Abschluss von der Technischen Universität Karlsruhe besonders am Herzen liegt: der Softwareentwicklung. Da sie auf strukturierten Sprachen basiert, sei die Entwicklung prädestiniert für den Einsatz agentischer KI, schickt Vorspel vorweg. Wie diese Systeme, die autonom und zielgerichtet handeln, helfen können, die Modernisierung ihrer Anwendungslandschaft voranzutreiben, erprobe ihr Team derzeit.

Ungeahnte Möglichkeiten

Komplexe IT-Landschaften von Banken auf dem Stand der Technik zu halten, ist eine Sisyphosarbeit. Das Thema beschäftigte sie schon vor mehr als 15 Jahren. Während der Finanzkrise war die gerade aus einem Sabbatical zurückgekehrte Vorspel für die Commerzbank in den USA, wo sie federführend eine Studie über die IT-Komplexität des Instituts betreute. Vereinfachung und Standardisierung sind das A und O für die Digitalisierung. Doch in der Praxis scheitern viele Vorhaben an den knappen personellen Ressourcen. Hier eröffnen selbstständig handelnde KI-Systeme, die um ein Vielfaches schneller sind als menschliche Entwickler, ungeahnte Möglichkeiten. Dabei sollen sie allerdings nicht vollautonom handeln. Vospel sieht sie eher als Handlanger, mit deren Hilfe Themen angegangen werden können, die sonst zu aufwändig wären, um sie zu priorisieren.

Agile Mensch-Maschine-Teams

An der agilen Arbeitsweise, die schon unter ihrem Vor-Vorgänger Frank Annuscheit konzernweit eingeführt wurde, soll sich dadurch nichts ändern, sagt Vorspel: „Meine Vision sind ganze Teams von Softwareagenten, die alle Bereiche der Bank abdecken und gemeinsam an Modernisierungsprojekten arbeiten.“ Gesteuert und kontrolliert will sie die dabei aber stets von menschlichen Chefentwicklern wissen. In ihrer unaufgeregten Art räumt Vorspel ein, dass sich das von heute auf morgen nicht umsetzen lasse. Aber es liefen schon verschiedene „Proof of Concepts“ mit verschiedenen Partnern an ganz konkreten Anwendungsfällen.

Skeptische KI

Als Beispiel nennt Vorspel ein Projekt, mit dem ein altes Softwareprodukt abgelöst werden soll. Das erfordert eine Migration von einer Programmiersprache in eine andere Programmiersprache, eine Aufgabe, die wie gemacht ist für die mit Blick auf die Schnelligkeit um ein Vielfaches überlegenen KI-Agenten. Dabei würden auch ganz bewusst sogenannte Skeptiker eingebaut: „Statt nur die Chancen positiv zu bewerten, sind diese so trainiert, dass sie die Entwicklungsergebnisse tatsächlich kritisch hinterfragen.“

Das Heft in der Hand behalten dabei trotzdem die Menschen. Schließlich muss der von KI-Agenten in agiler Arbeitsweise entwickelte Source Code die ganz normalen Tests durchlaufen, natürlich unter Einbezug menschlicher Intelligenz. „Auf diese Weise finden wir eventuelle Fehler, die die KI gemacht hat und verlassen uns nicht blind auf das Ergebnis“, unterstreicht die 60-Jährige, die vor anderthalb Jahren von der LBBW zur Commerzbank zurückkehrte, um im Vorstand die Nachfolge von Jörg Oliveri del Castillo-Schulz anzutreten.

Role Model für jüngere Frauen

Mit der KfW und der Helaba haben zuletzt auch andere Großbanken die IT-Verantwortung in weibliche Hände gelegt. Das freue sie: „Schließlich bietet Diversität viele Vorteile.“ Ihr selbst sei es wichtig, jüngeren Frauen als Role Model zu dienen. „Auch ich hatte am Anfang meiner Karriere weibliche Vorbilder, an denen ich mich orientiert habe“, sagt sie. "Eine davon ist Esther Laun, die damals noch für die Deutsche Bank tätig war. Nach ihrem Wechsel zur Commerzbank im Jahr 2006 hat sie wesentliche Weichen für die Neugestaltung unserer Finanzarchitektur gestellt.“