EZB – Was die verfrühte Zinssenkung bedeutet

Nach der weithin erwarteten Zinssenkung um 25 Basispunkte hat die EZB heute wenig Konkretes zur weiteren Zinsentwicklung gesagt.

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Dr. Jörg Krämer

Commerzbank Economic Research

6. Juni 2024

Alles hänge von den Daten ab, war ein häufig zu hörender Satz. Wir erwarten weiter, dass der EZB-Einlagensatz von jetzt 3,75% bis zum ersten Quartal 2025 auf 3,0% fallen wird. Danach rechnen wir mit keinen weiteren Zinssenkungen, weil das Inflationsproblem noch lange nicht gelöst sein dürfte. Letztlich ist die heutige Zinssenkung verfrüht.

Die EZB hat ihre Leitzinsen heute wie erwartet um 25 Basispunkte gesenkt. Der Einlagensatz liegt nun bei 3,75%. In ihrem Kommuniqué hat die EZB diesen Schritt damit begründet, dass sie nun zuversichtlicher sei, dass die Inflation mittelfristig zu ihrem Inflationsziel von 2% zurückkehrt.

Die Anleger konzentrierten sich während der Pressekonferenz darauf herauszufinden, wie es mit den Leitzinsen weitergehen könnte. EZB-Präsidentin Lagarde sagte häufig, dass künftige Zinsentscheidungen von den Daten abhingen. Dabei gehe es insbesondere um die Inflationsprognose, die Entwicklung der unterliegenden Inflation (Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel) und die Übertragung (Transmission) der Geldpolitik auf die Realwirtschaft.

Kein Zinssenkungszyklus

Nach unserer Meinung werden künftige Zinsentscheidungen zunächst vor allem von den Inflations- und Lohndaten abhängen. Hier sind wir nach wie vor vorsichtig. Wegen der bis zuletzt stark steigenden Löhne dürfte sich die Inflation am Jahresende eher bei 3% als bei 2% einpendeln – zumal der Rückgang der Inflation bei Waren (ohne Energie und Nahrungsmittel) weitgehend durch ist. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass der EZB-Rat von Anhängern einer grundsätzlich lockeren Geldpolitik (Tauben) dominiert wird. Es dürften also viele Monate vergehen, bevor die EZB erkennen wird, dass das Inflationsproblem noch lange nicht gelöst ist. Deshalb erwarten wir für die kommenden drei Quartale weitere Zinssenkungen um jeweils 25 Basispunkte, womit der EZB-Einlagensatz Anfang nächsten Jahres bei 3,0% läge. Danach sehen wir keine weiteren Zinssenkungen. Man kann also nicht von einem echten Zinssenkungszyklus sprechen.

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