Anstieg der Euro-Inflationsrate ein Warnschuss für die EZB

Die Inflationsrate im Euroraum fällt seit zwei Monaten nicht mehr.

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Dr. Vincent Stamer

Commerzbank Economic Research

31. Mai 2024

Im Mai ist sie sogar wieder von 2,4% auf 2,6% gestiegen. Noch wichtiger ist, dass auch die Kernrate im Mai ihren Abwärtstrend gestoppt und von 2,7% auf 2,9% zugelegt hat. Für die EZB kommen diese Daten, wie schon der überraschende Anstieg des Tariflohnindex für das erste Quartal, zur Unzeit, hat sie doch für Juni de facto schon eine Senkung der Leitzinsen angekündigt. EZB-Präsidentin Lagarde wird auf der Pressekonferenz die Zinssenkung wohl vor allem mit dem mittelfristigen Inflationsausblick begründen. Doch auch dieser ist nach unserer Prognose nicht sehr rosig, denn die Kernrate dürfte sich im weiteren Jahresverlauf eher bei 3% als bei 2% einpendeln.

Laut den vorläufigen Daten von Eurostat ist die Inflationsrate von 2,4% im April auf 2,6% im Mai gestiegen und hat damit den Abwärtstrend der letzten eineinhalb Jahre beendet. Das liegt über den durchschnittlichen Erwartungen der vorab befragten Volkswirte (Tabelle 1). Zu dem Anstieg hat maßgeblich beigetragen, dass die Kernteuerungsrate, also die Inflationsrate ohne Energie und Lebensmittel, überraschend von 2,7% im April auf 2,9% im Mai gestiegen ist. Die Vorjahresrate der Nahrungsmittelpreise hingegen fiel von 2,8% im April auf 2,6%. Der Effekt von Energiepreisen, der in den vergangenen Monaten die Inflation gedämpft hatte, hat im Mai mit einer Rate von 0.3% kaum einen Effekt auf die Inflation.

In den vergangenen Monaten hatten fallende Energiepreise gegenüber dem Vorjahr und ein abnehmender Preisdruck bei den Lebensmittelpreisen die Inflation insgesamt gedrückt. Die Energiepreise waren im Vorjahresvergleich seit etwa einem Jahr gefallen – teilweise sehr deutlich. Auch weil ein schwacher Monatswert aus dem Vorjahresvergleich herausfällt, bewegt sich die Veränderungsrate bei Energie mit 0,3% im Mai um den Nullwert. Die Veränderungsrate bei Nahrungs- und Genussmittel sank im Mai jedoch nur leicht von 2,8% im April auf 2,6% im April. Besonders die frischen Nahrungsmittel wie Obst und Gemüse scheinen die Preise aktuell hochzutreiben.

Die Kernrate steigt überraschend

Die Teuerungsrate ohne Energie, Nahrungs- und Genussmittel war seit ihrem Höhepunkt im März 2023 gefallen. Im Mai hat sie nun von 2,7% im April auf 2,9% zugelegt. Der unterliegende Preisauftrieb hat bereits seit Jahresanfang wieder angezogen, besonders stark bei den Dienstleistungen (Chart 1). Da diese besonders arbeitsintensiv sind, schlagen bei ihnen die jüngsten hohen Lohnabschlüsse besonders stark zu Buche. Eurostat zufolge haben die Löhne im ersten Quartal 2024 gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum um 4,7% zugelegt. Bei den Waren (ohne Energie und Nahrungsmittel) hat sich die kurzfristige Dynamik zuletzt stabilisiert.