Chinas neue Wachstumsstrategie

China will weniger von westlichen Technologien und Märkten abhängen und baut daher seine Wirtschaft um.

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Tommy Wu

Commerzbank Economic Research

26. Januar 2024

China will seine Abhängigkeit von westlichen Technologien und Märkten verringern und modernisiert dazu seinen Produktionssektor, richtet den Handel auf den globalen Süden aus und stärkt den Binnenmarkt. Wir analysieren Chinas Wirtschaftsstrategie und was sie für ausländische Investoren und Unternehmen auf dem globalen Markt bedeutet.

Chinesische Wirtschaft hat Wachstumsmotor verloren...

Die chinesische Führung muss mit den Auswirkungen der geplatzten Immobilienblase und der Sanierung der lokalen Staatsschulden fertig werden. Mit dem Ende des Baubooms hat Chinas Wirtschaft ihren wichtigsten Wachstumsmotor verloren und durchläuft derzeit eine Umstrukturierung. Es wird einige Zeit dauern, bis die aufstrebenden Branchen wie Technologie, neue Energien, fortschrittliche Fertigung und Biotechnologie den Immobiliensektor ersetzen können. Die aufstrebenden Branchen machen nach Angaben der chinesischen Regierung zusammen etwa 13 % des BIP aus. Zum Vergleich: Der Immobiliensektor stand zeitweise direkt (durch das Baugewerbe) und indirekt (durch vor- und nachgelagerte Industrien wie Baumaterialien und Haushaltsgeräte) für ein Viertel des BIP.

... und die Begeisterung ausländischer Investoren

Hinzu kommt, dass China bei westlichen Unternehmen als Investitionsstandort an Attraktivität verloren hat. Westliche Firmen beklagen sich seit langem darüber, dass sie auf dem chinesischen Markt keine fairen Wettbewerbsbedingungen haben. Sie machen sich auch Sorgen um die Sicherheit ihrer Unternehmensdaten. So behindern chinesischen Vorschriften den grenzüberschreitenden Datentransfer, und das kürzlich überarbeitete chinesische Gesetz zur Spionageabwehr könnte chinesischen Behörden mehr Zugang zu und Kontrolle über Firmendaten geben. Und schließlich müssen sie damit rechnen, dass normale Geschäftsaktivitäten wie Marktforschung gegen Gesetze verstoßen könnten. Das harte Durchgreifen gegen westliche Beratungsunternehmen wegen Bedenken hinsichtlich der nationalen Sicherheit Chinas ist ebenfalls nicht dazu angetan, das Investitionsklima zu verbessern. Generell erschweren die geringere Transparenz der politischen Entscheidungen und die regulatorischen Unsicherheiten in Bezug auf Datentransfer, Cybersicherheit und nationale Sicherheit es ausländischen Unternehmen, sich auf den chinesischen Märkten zurechtzufinden. Dies hatte bereits erhebliche Auswirkungen auf den Zufluss ausländischer Direktinvestitionen (Foreign Direct Investment, FDI).

Es gibt zwei offizielle Datenreihen zu FDI, die sich in mehreren Punkten unterscheiden. Der wichtigste Unterschied ist, dass die Zahlen des Handelsministeriums (MofCom) nur die Bruttozuflüsse abbilden, außerdem berücksichtigen sie nicht die Investitionen in den Finanzsektor, reinvestierte Gewinne und einige weitere Posten. Die FDI-Daten aus der Leistungsbilanz sind dagegen eine Nettogröße, also der Saldo von Zu- und Abflüssen bei FDI:

  • Die Zahlen des MofCom zeigen für 2023 einen in Dollar gerechneten Rückgang der (Brutto-) Direktinvestitionen um 10 % (Chart 1).
  • Spektakulärer sind die Leistungsbilanzdaten. Diese zeigen im dritten Quartal 2023 erstmals in der Datenhistorie einen Netto-Abfluss an. Ausländische Unternehmen haben folglich Direktinvestitionen aus China abzogen.