„Das Leben bietet so viele Chancen, man muss sie nur ergreifen.“

Yolanda Schmidtke, CEO - DLE Group AG, im Interview

Yolanda Schmidtke, CEO und Mitgründerin der DLE Group AG

Yolanda Schmidtkes Tag beginnt in der Regel morgens um fünf Uhr. Bei einigermaßen guten Temperaturen setzt sie sich raus, genießt die frische Luft und die Ruhe in der Natur. Es ist ihr sanfter Einstieg in den Tag. Sie braucht die Zeit für sich, sie überlegt sich, welche Ziele sie in den nächsten Stunden erreichen will und wofür sie dankbar sein kann. Zum Beispiel für einen Sonnenaufgang in ihrem Wohnort in Brandenburg vor den Toren Berlins.

In der Hauptstadt wird die studierte Betriebswirtin als „Hidden Champion“ gehandelt. Das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ zählt sie zu den „30 erfolgreichsten Personen unter 30 in Deutschland”. Für Yolanda Schmidtke nichts Besonderes. Im Gespräch ist sie zugewandt, wir sind schnell beim Du – und bei ihren Eltern, die sich doch einige Sorgen um sie gemacht haben: „Ich war nicht einfach in der Pubertät, und ich glaube sie hatten Angst, dass ich nicht mal das Abi schaffe.“ Die beiden Akademiker hofften auf einen soliden Berufsweg ihrer Tochter mit Festanstellung und Doktortitel – so wie sie eben auch als Chemiker und Architektin. Doch ihre Tochter, die schon immer auf Selbständigkeit und Freiheit gepocht hatte, konnte auch im Studium an der Humboldt-Universität nicht anders. Nach einem missglückten Start-up-Versuch gründete sie 2016 als Mitgründerin die DLE Group, die heute Vermögen in Milliardenhöhe betreut. Damals war sie 22 Jahre alt.

Liebe Yolanda, du bist 29 Jahre alt und hast schon eine erstaunliche Karriere hinter dir. Du bist CEO eines weltweit agierenden Immobilienunternehmens, mit Standorten in Deutschland, der Schweiz, Polen und Asien, mit 85 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einem Invest von 2,5 Milliarden in Bauprojekte. Wie hast du das geschafft?

Yolanda Schmidtke: Ich habe nicht den klassischen Werdegang hinter mir wie andere vielleicht. Master, Doktortitel und so weiter. Ich habe mich eigentlich während meines BWL-Studiums ziemlich gelangweilt, und mir da schon überlegt, womit ich am besten Geld verdienen kann. Die Immobilienbranche ist prädestiniert für hohe Gewinne.

Und steht vor großen Herausforderungen…

Y.S.: Die größten Sorgen macht uns im Moment die Baubranche. Die Kosten für Stahl Beton und Holz gehen im Vorjahresvergleich durch die Decke. Die Lieferketten funktionieren nur mangelhaft, Bauprojekte werden nicht schlüsselfertig übergeben, außerdem sind bei dem neuen Zinsumfeld die Risikoaufschläge der Banken enorm gestiegen. Manche sind aus dem Geschäft ausgestiegen und finanzieren keine Projekte mehr. Das wird noch einige Entwickler hart treffen. Viele werden nicht durch die Krise kommen. Am Ende stellt sich die Frage, ob die Inflation stärker ist als die Zinsen. Ein inflationäres Umfeld ist ja eher gut für Immobilien. Zinssteigerung im Gegenteil leider nicht. Und natürlich beschäftigen uns die Zukunftsfragen, das Bauen nach Umweltstandards und vieles mehr.

Wie ist das Geschäftsmodell eures Unternehmens?

Wir sind, vereinfacht gesprochen, eine Investitionsplattform und helfen institutionellen Anlegern, Versicherern, Pensionskassen, aber auch Family Offices, ihr Geld in geeignete Immobilien zu investieren, die wir betreuen. Das beginnt bei uns mit der Beschaffung von Bauland und führt über die Baufinanzierung bis hin zu Bestandsimmobilien.

Auf eurer Website steht: „Unsere Fonds verbinden Renditen mit sozialen Werten.” Widerspricht sich das nicht?

Y.S.: Ich habe grundsätzlich ein Problem damit, wenn man davon ausgeht, dass es sich widerspricht. Ich sehe darin keinen Widerspruch. Ich gehe davon aus, dass langfristig nur Geld verdient werden kann, wenn man einen Nutzen schafft und Probleme löst. Ich sehe sozialen Nutzen nicht als Ausschlusskriterium für Rendite, sondern eigentlich als langfristig sich kombinierende Themen, um am Markt zu existieren und eine Daseinsberechtigung in der langfristigen Perspektive zu haben.

Welche Rolle spielen Werte bei eurer Arbeit?

Y.S.: Innerhalb des Unternehmens gehen wir davon aus, dass sich Partnerschaften lohnen. Der Kuchen wird größer, wenn man ihn teilt, und nicht andersherum. Das ist unser Grundprinzip, nach dem wir hier unser Unternehmen bauen und auch Leute zu uns holen. Wir haben nicht den Glauben, dass man Leute sozusagen eingrenzt, sondern eher dass man sie befähigt und zu ihrem, ich sage mal, Höchstmaß anspornt. Das heißt mit anderen Worten auch, dass man Gewinnmöglichkeiten schafft, für die Leute, die wir zu uns holen. Unsere Grundphilosophie ist, unsere Teams unternehmerisch zu beteiligen.

Was gehört noch zu eurer Gewinnerformel?

Y.S.: Eine wirklich gelebte Diversität hier im Unternehmen. Es ist nicht so, dass wir irgendwelche Regeln haben wie divers oder international unser Team sein muss, oder wie viele Sprachen wir sprechen, sondern es ist, davon bin ich überzeugt, eher so: Wenn man die richtigen Leute zu sich holt, ziehen sie andere Leute an, die ähnlich sind.

Ich glaube unsere Formel ist da eher, dass wir anders sind und darüber auch sehr andere Leute zu uns holen. Wir sind also sicherlich nicht das klassische Investmentunternehmen oder das klassische Real-Estate-Unternehmen, das weiß und männlich dominiert ist, sondern wir sind wirklich sehr bunt durchmischt.

Wir haben mindestens 15 bis 20 verschiedene Nationalitäten bei uns. Wir sind da, glaube ich, sehr ungewöhnlich unterwegs in der Branche.

Welche Werte tragt ihr nach außen?

Y.S.: Bezogen auf das Thema Baulandentwicklung, sehen wir uns als Partner der Kommunen. Mit anderen Worten, wir hören der Kommune zu, wir sind flexibel, wir sind auch nicht, wie der Projektentwickler, darauf eingestellt zu maximieren. Das heißt, wir sind ein anderer Dialogpartner für die Gemeinden und wollen flexibel auf Wünsche reagieren. Auch auf Sonderwünsche wie Kitas, Altenheime, Schulen, Begrünung, alles, was das soziale Miteinander fördert.

Trotz der hohen Mieten?

Y.S.: Das ist die große Kernfrage. Wie wird Wohnen wieder erschwinglich? Ein zentraler Dreh- und Angelpunkt ist die Zeit – viele Bebauungsplanverfahren dauern einfach zu lange. Oft sind Sachbearbeiter auch überfordert. Wir müssen entbürokratisieren, die Komplexität der Verfahren vermindern. Alle anderen Themen, die in der Immobilienbranche diskutiert werden, ob es jetzt hier in Berlin der mittlerweile wieder abgeschaffte Mietendeckel ist oder andere Kontrollmechanismen, funktionieren nicht oder nur bedingt. Wer heute eine Wohnung sucht geht in Großstädten in Konkurrenz mit hundert anderen Bewerbern.

Wo ist die Lösung, auch was die Preisentwicklung angeht?

Y.S.: Am Ende wird sich der Markt regulieren, aber das geht nur, indem man weiteres Angebot schafft. Die Lösung des Wohnproblems geht nur über den Neubau.

Wird sich denn das Verhalten der Wirtschaft im Hinblick auf Verantwortung durch die Beteiligung jüngerer Generationen verändern?

Y.S.: Natürlich haben Themen wie Nachhaltigkeit, sozialverträgliches Wirtschaften, Klimawandel etc. bei uns einen anderen Stellenwert als bei der älteren Generation. Wie wird es unseren Kindern gehen, wenn die Welt weiter aus dem Lot gerät und was können wir dagegen machen? Das sind natürlich Zukunftsfragen, die uns umtreiben. Ich glaube, dass in vielen Punkten eine anderen Haltung besteht.

Und wie reagieren Ältere? In der Immobilienbranchen arbeiten viele gesetzte Herren über 50, wie reagieren sie auf dich und dein geringes Alter?

Y.S.: Ich glaube, die sind ein bisschen verwundert.

Wegen deines Alters, wegen deiner Einstellung?

Y.S.: Also, wenn ich mir zu viele Gedanken mache, was die anderen über mich denken, dann habe ich eigentlich ein Grundproblem. Denn der größte Feind ist in der Regel jeder für sich selbst. Ich möchte mich weiterentwickeln. Ich suche nach Lösungen und wühle nicht ständig in Problemen.

Was sind deine Lebensprinzipien?

Y.S.: Ich habe ja schon erwähnt, wie wichtig für mich teilen ist. Und dann glaube ich, dass Liebe ganz wichtig im Leben ist. Sie befreit und man kann mit ihr sowohl im Job als auch im Privaten viel erreichen.

Den größten Gefallen kann man sich und anderen Menschen tun, wenn man es schafft loszulassen und anderen zu vergeben, weil man dann ein freierer Mensch ist.

Was war deine bisher größte Herausforderung?

Y.S.: Ich glaube die größte Herausforderung ist das Leben anzunehmen, das so viele Chancen bietet, die man nur ergreifen muss. Man kann aber auch sagen, die Welt ist Mist und man ist das große Opfer der gesamten Lebensumstände, dann wird man nur nicht viel erreichen. Ich glaube, die Erkenntnis hat mich auch ein Weilchen Zeit gekostet. Ich habe in der Schulzeit kapiert, dass man eigentlich ein Mensch ist, der viele Opportunitäten hat, wenn man hier in Deutschland geboren ist.

Und dazu gehört eine offene Fehlerkultur?

Y.S.: Also ich glaube, dass es im Führungsstil grundsätzlich wichtig ist, dass man eine gute Fehlerkultur schafft. In der Pubertät und in der Schulzeit habe ich auch viel falsch gemacht. Bis ich begriffen habe, was das Leben zu bieten hat.

Hattest du damals Vorbilder?

Y.S.: Ich habe plötzlich eine Entwicklung gemacht, die sehr viel mit meinem heutigen Freund zu tun hat, der aus Westafrika stammt. Ich habe damals Menschen kennengelernt, die als Migranten nach Deutschland gekommen sind. Sie hatten in ihrer Heimat keinen Zugang zu Bildung und nicht die geringsten Chancen auf eine gute Zukunft wie wir sie hier haben. Damals dachte ich mir: Wie dämlich sind wir hier eigentlich, wenn wir unsere Möglichkeiten nicht nutzen und nicht mit anderen teilen? Das größte Problem in unserer Gesellschaft ist die Befindlichkeit und Selbstwahrnehmung. Wenn wir einfach mehr vorangehen würden, um Lösungen zu finden und zu gestalten, in unserem eigenen Leben und in unserer Gesellschaft, dann wären wir ein großes Stück weiter.

Fotos: Axel Martens

Text: Peter Lewandowski