„Es bedarf Mut, Nein sagen zu können.“

Sara Nuru, Inhaberin und Co-Gründerin von nuruCoffee und nuruWomen e.V.

Das Foto zeigt Sara Nuru im Lager bei der Überprüfung von Kaffee-Lieferungen.

Der ungewöhnliche Weg vom Model zur Unternehmerin

Ein paar Stunden in der Stadt shoppen, eine Anzahlung fürs Handy - 200 Euro sind heutzutage schnell ausgegeben. Für eine junge Frau in einem Dorf in Äthiopien bedeutete so ein Betrag eine neue Welt. Irkabeth war von ihrem Mann abhängig, wurde geschlagen und hatte wenig Perspektiven. Bis sie von Mikrokrediten in ihrer Nachbarschaft hörte und ihren ganzen Mut zusammennahm, um ein neues Leben zu beginnen. Heute ist sie von ihrem Mann getrennt, züchtet Schafe und ist stolz auf ihre Selbstständigkeit. Zu verdanken hat sie ihren Erfolg einer jungen Frau, die in Deutschland als Model berühmt geworden ist

Das Model Sara Nuru kennt vieler solcher Geschichten wie die von Irkabeth. Sie erzählt sie gerne mit einem Lächeln, und ja, auch mit ein wenig Stolz. Stolz, weil es zur Wendung im Leben der Äthiopierin eine Vorgeschichte gibt. Sie spielt im fernen Europa und beschreibt das Leben einer jungen Frau, die 1989 im oberbayerischen Erding geboren wurde - und damals schon für Gesprächsstoff sorgte. Sara Nuru wurde bundesweit berühmt als Gewinnerin Heidi Klums TV-Show “Germanys Next Topmodel“, einer Sendung mit einem Millionen-Publikum.

Das Scheinwerferlicht leuchtete grell auf die damals 19jährige: Lukrative Werbeverträge, unzählige Auftritte in TV-Shows, wer einmal im Rad des Glamourzirkus ist, verliert schnell die Orientierung und manchmal sich selbst. Sara verlor erstaunlicherweise nie die Bodenhaftung.

Heute lebt sie in Zürich und Berlin hat sich mit einer ihrer Schwester ein Unternehmen aufgebaut. Die beiden importieren biologischen und nachhaltig angebauten Kaffee aus Äthiopien und unterstützen mit Mikrokrediten Frauen in der Heimat ihrer Eltern. „nuruCoffee“ ist mittlerweile eine Marke geworden, die Stiftung „nuruWomen“ beispielhaft für nachhaltiges Engagement. Und Sara Nuru ist gefragt wie zu den besten Modelzeiten, allerdings kommen jetzt die Gesprächspartner:innen aus der Wirtschaftspresse, engagierten Frauen-Zeitschriften, Radio-Feuilletons, dem Deutschlandfunk. Die Verwandlung vom Model zum Role-Model hat eine eigene Strahlkraft. Der Name Nuru ist plötzlich Programm. Aus dem Äthiopischen übersetzt bedeutet er „Licht“.

Ich wollte nicht nur spenden, sondern richtig helfen

Jetzt erzählt sie ruhig und reflektiert, wenn sie über ihren Weg hin zur Unternehmerin spricht:

„Ich glaube, der gravierendste Auslöser war, als ich für mich entschieden habe, neue Wege zu gehen. Das war so etwas, was wirklich über Jahre hinweg in mir reifte. Vom Model zur Unternehmerin zu wechseln, ist ja nicht von heute auf morgen passiert. Mich darauf einzulassen und mir zu erlauben, diesen Weg zu gehen, war ein langer Prozess. Dafür habe ich den größten Mut aufbringen müssen. Letztendlich hatte ich ein starkes Urvertrauen und natürlich bin ich den ganzen Weg ja nicht alleine gegangen. Meine Schwester war an meiner Seite. Das hat geholfen.“

Sara Nuru schaut nicht nur mit großer Dankbarkeit auf ihre Familie, sondern auch auf die Karriere in der Glamourwelt, die ihr eine finanzielle Unabhängigkeit ermöglichte und neue Türen eröffnete.

„Es war immer meine Motivation für meine erfolgreiche Karriere etwas zurückgeben zu wollen. Wir wollten aber nicht nur Spenden einsammeln, sondern etwas zu tun, das wirklich sinnstiftend ist. Und ich wollte nicht nur spenden, sondern richtig helfen.“

Sara besuchte mit ihrer Schwester immer wieder das Land, dessen Kaffee für seinen herausragenden Geschmack geschätzt wird. Äthiopien gehört mit fast 500 Millionen Kilo jährlich zu den größten Kaffee-Exporteuren der Welt. Und sie sahen, wie hart in einer von Männern beherrschten Welt die Frauen auf Kaffeeplantagen arbeiten müssen. Auf diesen Reisen reifte Ihre Geschäftsidee.

Zu dieser Zeit entdeckte Sara Nuru auch ein Buch über Social Business und fand dadurch ihre Bestimmung: mit unternehmerischen Mitteln sozialen Mehrwert zu. 50 Prozent des Gewinnes aus nuruCoffee gehen heute an nuruWomen, einen Verein, der 2018 von den zwei Schwestern gegründet wurde. Dieser wiederum hilft Frauen in Äthiopien, in die Selbstständigkeit zu gelangen. Der Rest wird in das Unternehmen investiert, auch zum Vorteil der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die alle ähnlich gleich und gut bezahlt werden.

Der Start braucht vertrauensvolle Partner auf Augenhöhe

Wenn Sara über ihren Start spricht, zeigt sich, wie unverrückbar ihre Vision von wirksamer Unterstützung ist und wie groß aber auch die Anfangsschwierigkeiten waren:

„Wir wussten nicht, welche Herausforderungen auf uns zukommen. Viele haben uns für verrückt erklärt, aber uns war das egal. Wir sind Schritt für Schritt gegangen, haben uns informiert, neue Netzwerke aufgebaut. In Äthiopien und in Deutschland. Dabei wurden wir oft unterschätzt. Nicht nur, weil wir Frauen waren. Darüber hinaus waren wir finanziell gut aufgestellt und brauchten keine Investoren, aber Gesprächspartner auf Augenhöhe. Das ist uns bis heute sehr wichtig.“

Die Schwestern suchten Knowhow, Starthilfen bei den Basics zur Gründung, Auslandszahlungsverkehr mit internationalen Handelspartnern. In Äthiopien hatte sie Verträge mit Kleinbauern-Kooperativen aus dem biologischen Anbau abgeschlossen, Ausfuhrerlaubnisse erhalten, Lieferwege nach Deutschland sichergestellt. Aber hier vor Ort?

Die Nuru-Sister wollten in Berlin gründen, das deutsche Mekka für junge Startups. Das St. Oberholz am Rosenthaler Platz ist immer noch ein Hotspot für Träumer, die vom großen Geld träumen, aber auch eine Info-Börse für angehende Jung-Unternehmerinnen, die es ernst meinen mit ihrer Selbständigkeit. In der Berliner Startup-Blase gilt die Commerzbank als fair und vertrauenswürdig und ist angesehener Partner für Finanzfragen. Von ihrem ersten Termin in der Gründerberatung ist Sara heute noch begeistert:

„Wir haben von unserem Vorhaben erzählt vom Social Business, dass wir nachhaltig sein wollen, und haben geredet und geredet – und dabei gemerkt, wie zugewandt die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen waren. Wir wurden nicht belächelt, sondern waren auf Augenhöhe. Uns war das persönliche Gespräch sehr wichtig und ist es noch immer. Wenn wir jetzt größere Investitionen eingehen müssen, dann nehme ich lieber Geld von unserer Bank als von einem klassischen Investor. Wir legen großen Wert auf Vertrauen und unsere Unabhängigkeit.“

Mut lohnt sich!

Die Anfangsschwierigkeiten, Zweifel und auch zwischendurch die Ängste zu Scheitern haben sich gelohnt. Nur wenige Jahre nach der Gründung werden jährlich mehrere Container Kaffeekirschen nach Deutschland importiert. Über Umsatzzahlen und Gehälter für die mittlerweile acht Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Berlin will die Unternehmerin Sara Nuru allerdings nicht sprechen. Für sie zählen die Erfolge aus dem Wirtschaftlichen heraus:

„Wir konnten bisher 416 Frauen in Äthiopien mit einem Mikrokredit unterstützen und somit zur Gleichstellung und Selbstständigkeit verhelfen.“

Was ein bisschen im Statement staatstragend klingt, ist von Bescheidenheit der Macherin geprägt. Anderen Startups Empfehlungen zu geben ist nicht so ihr Ding, deswegen ist sie mit Ratschlägen zurückhaltend. Wichtig aus ihrer Sicht ist es, immer den Weg Schritt für Schritt zu gehen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

„Wir sind ein Familienunternehmen, das in 50 Jahren noch bestehen soll, für unsere Kinder und die nächste Generation. Ich persönlich mag das Motto: Alles kann, nichts muss. Es schafft mir Raum an Möglichkeiten.“

Beim Abschied erzählt Sara von ihrer mind map, auf der sie immer wieder neue Ziele definiert. Für die nächsten 10, 20 Jahre, neue Ideen, die ihr fast täglich kommen, die wieder verworfen oder in Angriff genommen werden. Schritt für Schritt. Auf die Frage, ob sie zufrieden ist mit dem, wie es gelaufen ist, mit ihrer Karriere als Model und dem Aufbruch als Sozialunternehmerin antwortet sie lächelnd:

„Heute bin ich es. Ja. Also nicht immer. Erst ab dem Moment, ab dem ich angefangen habe für mich selbst einzustehen und auch Nein zu sagen. Erst kürzlich habe ich das Sprichwort gehört, hinter jedem Nein stecken zwei Ja. Und das fand ich toll und dachte, das stimmt. Also zum einen „Ja“ zu sich selbst, und zum anderen „Ja“ zu etwas Größerem, etwas was viel Besseren, das vielleicht noch gar nicht in sichtbarer Nähe ist. Entlang meines Weges vom Model zur Unternehmerin habe ich schon oft Nein gesagt. Früher fiel mir das noch schwer, mittlerweile kann ich das sehr gut.

Wir danken Sara Nuru für das Interview.

Autor: Peter Lewandowski

Lesetipp:

  • Blake Mycoskie, Start something that matters, Random House
  • Sara Nuru, Roots, Wie ich meine Wurzeln fand und der Kaffee mein Leben veränderte, Goldmann