• Vererben will gelernt sein

(Ver)erben will gelernt sein

Jeden Tag sterben mehr als 2.600 Menschen in Deutschland. In ihrer Trauer müssen die Hinterbliebenen viele Herausforderungen bewältigen. Gerade das Thema Nachlass führt häufig zu großen emotionalen wie sozialen Konflikten. Ratsam ist es, schon zu Lebzeiten mit seiner Familie darüber zu sprechen – doch das ist nicht immer einfach.

Auf den Tod ist man nie vorbereitet

Der Verlust eines geliebten Menschen ist ein harter Schlag – egal, ob der Tod plötzlich eintritt oder am Ende einer langen Krankheit. „Als der Anruf kam und es hieß, dass mein Vater gestorben sei, war ich wie betäubt“, erinnert sich Gernot Göbel. „Ich war völlig überfordert mit der Situation und im ganzen Denken total langsam.“ Als der 42-jährige Familienvater das Haus seines Vaters erreichte, musste er trotzdem funktionieren: Mit dem Amtsarzt und den Nachbarn sprechen, innerhalb der Familie Trost spenden und gleichzeitig Freunde und Verwandte informieren. „Irgendwann saß ich endlich allein neben meinem Papa, der tot in seinem Bett lag – und ich verstand immer noch nicht, was hier gerade passiert ist.“

Erben heißt nicht immer reich werden

Zum Trauern bleibt selten Zeit. Zunächst müssen Hinterbliebene die Beerdigung organisieren. Wie hätte es der Verstorbene gerne gehabt, wen muss man einladen, wo gibt es Kaffee? „Ich denke, die Beschäftigung rund um die Trauerfeier hilft, in der Spur zu bleiben und nicht in eine Starre oder Bewegungslosigkeit zu fallen“, so Gernot. Später kommt das Thema Nachlass dazu. Gibt es ein Testament? Was muss ich tun? Wer kann mir helfen?

„Gernot Göbel musste sich von einem Tag auf den anderen um den Nachlass seines Vaters kümmern“.

Doch nicht immer will der potenzielle Erbe überhaupt Erbe werden. Zum Beispiel wenn sich marode Immobilien, Schulden oder sonstige Verpflichtungen in der Erbmasse befinden. In diesem Fall kann man die Erbschaft innerhalb von sechs Wochen ausschlagen. Außerdem ist ein Nachlass immer mit Kosten verbunden: Erbschein und Notar müssen in der Regel direkt bezahlt werden. Und am Ende wartet der Staat, der die Erbschaftssteuer eintreiben will.

Wie viel wird in Deutschland vererbt?

Auf der gesellschaftlichen Ebene wirkt das Erbe als gewaltige Umverteilungskraft. Firmen, Immobilien und Bargeld wechseln quasi über Nacht die Besitzer. 400 Milliarden Euro werden hierzulande vererbt – pro Jahr! Das jedenfalls schätzen die Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Eine genaue Statistik gibt es nicht. Denn mehr als die Hälfte der Erbfälle liegt unter der Freibetragsgrenze von 50.000 Euro. Mit dem goldenen Löffel im Mund kommen nur etwa 0,1 Prozent der Menschen auf die Welt. Im Schnitt erben sie satte 17 Millionen Euro, hat das DIW ermittelt. Doch der Staat kassiert bei ihnen nur selten: Zahlreiche Familienunternehmer haben die (bewusste) Lücke im System genutzt, um ihre Firma rechtzeitig an ihre Kinder zu überschreiben.

Kein Erbe ohne Bürokratie

Selbst wer kleinere Beträge erbt, muss sich durch den deutschen Bürokratie-Dschungel schlagen. Erben müssen oft Dutzende Ordner durchforsten, um Vermögen, Verträge oder Verbindlichkeiten zu überblicken.

Bei Gernot Göbel standen eine vermietete Wohnimmobilie sowie eine Eisdiele im Mittelpunkt. „Um diese Dinge hatten mein Vater und ich uns schon vorher zusammen gekümmert. Da waren wir ein eingespieltes Team.“ Und auch sonst gab es zwischen ihnen keine Berührungsängste, erinnert sich Gernot. „Wir konnten über alles sprechen.“

Rechtzeitig über das Thema Vererben reden

Dennoch hätten sie sich besser auf den Tag X vorbereiten können. Zwar besuchten sie bereits Jahre zuvor Infoveranstaltungen zum Thema Erbrecht und holten sich Rat beim Steuerexperten. Als es aber darum ging, den Nachlass konkret vorzubereiten, kamen unerwartete Emotionen ins Spiel. So hat Gernots Vater erst sehr spät deutlich gemacht, wie er sich die Zukunft seines Eigentums vorstellt. „Es gibt immer etwas Neues zu entdecken, auch bei den eigenen Eltern”, sagt Gernot heute.  So geht es vielen Menschen. Verständlicherweise. Denn der Tod ist vielleicht das letzte Tabu in unserer Gesellschaft. Niemand beschäftigt sich gerne mit seinem Abschied – und Kinder scheuen sich oft, das Thema bei ihren Eltern anzusprechen. Dabei könnte eine gemeinsame Auseinandersetzung Familien näher zusammenführen und möglichen Streitereien vorbeugen. Denn die Zahl der offenen Erbstreitigkeiten vor deutschen Zivilgerichten geht in die Hunderttausende. Und das ist sicher nie im Sinne der Verstorbenen.

Tipp

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