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Nachhaltiges Wirtschaften: Experteninterview

Immer mehr Menschen wollen nachhaltiger Leben. Welche Rolle spielen Wirtschaft und Industrie dabei?

Weltweit wird immer mehr Menschen klar, dass es notwendig ist, besser auf Umwelt und Mitmenschen zu achten. Nachhaltiges Wirtschaften ist dabei ein wichtiger Punkt. Warum das so ist, erklärt Florian Harrlandt vom „Rat für Nachhaltige Entwicklung“ im Interview.

Abwarten ist keine Option

Wo beginnt Nachhaltigkeit, im Großen oder im Kleinen? Die beste Antwort auf diese Frage wäre wohl „beides“. Jede und jeder Einzelne sollte für sich selbst Wege finden, Umwelt und Ressourcen zu schonen. Die schnellste Verbesserung dürfte aber dadurch zu erreichen sein, dass große Unternehmen oder ganze Wirtschaftszweige sich um mehr Nachhaltigkeit bemühen. Da dies häufig mit hohen Kosten verbunden ist, braucht es hierfür eine zusätzliche Motivation. Dies können gesetzliche Vorgaben sein, aber auch Anreize. Zuständig für Motivation und Anreize ist die Politik. In Deutschland unterstützt der Rat für Nachhaltige Entwicklung die Bundesregierung seit 2001 mit entsprechenden Impulsen. Unter den 15 Mitgliedern sind Personen des öffentlichen Lebens sowie Politiker und Wirtschaftsvertreter.

Herr Harrlandt, gerade Naturkatastrophen wie das Jahrhunderthochwasser im Juli 2021 in Deutschland haben gezeigt, dass das Thema Nachhaltigkeit immer wichtiger wird. Können Sie kurz aufzeigen, welche Bedeutung dem Thema in deutschen Unternehmen beigemessen wird und welche Rolle es für Arbeits- und Produktionsbedingungen spielt?

Das haben wir erst kürzlich in einer Studie durch die Technische Universität Dresden untersuchen lassen. Die zwei wesentlichen Ergebnisse waren: Erstens besteht bei deutschen Unternehmen hohes Ausbaupotenzial, wenn es um nachhaltiges Wirtschaften geht. Je nachdem, welche der drei angewandten analytischen Perspektiven eingenommen wird, lassen sich nur etwa 0,15 bis 6,82% der Unternehmen aktuell als „nachhaltigkeitsorientiert“ klassifizieren. Zweitens zeigt die Studie auch, dass wir über den nachhaltigen Transformationspfad in Unternehmen kaum etwas wissen.

Zwar gibt es Leuchttürme, die herausstechen und als Vorbilder fungieren, aber gerade bei kleinen und mittelständischen Unternehmen fehlen Daten. Initiativen wie der Berichtsstandard „Deutscher Nachhaltigkeitskodex“, den zum Beispiel auch die Commerzbank nutzt, wollen hierbei Transparenz schaffen. Der aktuelle EU-Richtlinienvorschlag „Corporate Sustainability Reporting Directive“ (CSRD) und die EU-Taxonomie sind weitere wichtige Schritte hin zu mehr Transparenz in diesem Bereich.

Im Rahmen der 2015 beschlossenen Agenda 2030 hat die Bundesregierung eine Nachhaltigkeitsstrategie für Deutschland beschlossen. Können Sie einen Überblick darüber geben, was bereits umgesetzt wurde und wo es noch hapert?

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung hat die Nachhaltigkeitsstrategie bereits bei seiner Gründung im Jahr 2001 empfohlen und die Bundesregierung hat das Steuerungsinstrument übernommen. Da Nachhaltigkeit immer ein Prozess ist, lässt sich zur Umsetzung keine abschließende Aussage treffen. Es gibt aber eine wichtige Neuerung, die deutlich macht, dass ein Umdenken stattfindet. Zuletzt wurden sechs Transformationsbereiche definiert:

  • menschliches Wohlbefinden und Fähigkeiten, soziale Gerechtigkeit
  • Energiewende und Klimaschutz
  • Kreislaufwirtschaft
  • nachhaltiges Bauen und Verkehrswende
  • nachhaltige Agrar- und Ernährungssysteme
  • schadstofffreie Umwelt

Damit hat die Bundesregierung das Bewusstsein, dass es einer grundlegenden Transformation bedarf, in eine Strategie gegossen. Ein Beispiel für ein solches Umdenken ist die Kreislaufwirtschaft. Diese geht gemäß der Nachhaltigkeitsstrategie über das Recycling-Prinzip hinaus, das landläufig mit dem Begriff der Kreislaufwirtschaft verbunden wird. Vielmehr soll der gesamte Produktlebenszyklus betrachtet und bereits bei der Entwicklung eines Produkts die Wiederverwertung mitgedacht werden. Hierfür etabliert sich zunehmend der Begriff des „zirkulären Wirtschaftens“.

CO2-Abgaben, das Lieferkettengesetz und andere Maßnahmen: Die Bundesregierung beschäftigt sich aktuell stark mit dem Thema Nachhaltigkeit – und dennoch wird immer wieder Kritik laut, die beschlossenen Schritte seien nicht ausreichend. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Beim Thema Nachhaltigkeit ist Abwarten keine Option – wir müssen jetzt handeln. Die Bundesregierung hat regulatorisch bereits wichtige Schritte unternommen. Auch in der Mitte der Gesellschaft ist das Thema Nachhaltigkeit bereits angekommen. Es mangelt aber noch an der Umsetzung denn vielen ist bis heute unklar, was jede und jeder Einzelne dafür tun muss. Ich glaube, ein wichtiges Ziel der Politik muss sein, sich klar zur Nachhaltigkeit zu bekennen und die Menschen mitzunehmen. Wenn wir nicht CO2-neutral werden, nicht auf Biodiversität oder Menschenrechte in anderen Ländern achten, dann geht dieses Verhalten mittelfristig mit deutlich höheren sozialen, aber auch monetären Kosten einher, als die jetzt notwendigen Anstrengungen in Richtung Nachhaltigkeit. Das dürfte auch für die neue Bundesregierung das zentrale Thema werden.

Welche aktuellen Maßnahmen gibt es, die den Umwelt- und Klimaschutz stärken?

Die Bundesregierung hat sich klare Transformationsziele im Koalitionsvertrag gesetzt. Diese gilt es zu verfolgen und umzusetzen. In der Vergangenheit war das etwa beim Lieferkettengesetz der Fall. Trotz vieler Widerstände wurde die Arbeit daran immer wieder aufgenommen und das Gesetz letztendlich verabschiedet. Das bedeutet nicht, dass es in seiner jetzigen Form ausreichend ist. Wünschenswert wäre etwa, dass auch vorgelagerte Lieferstufen berücksichtigt werden. Ein entsprechendes Gesetz auf EU-Ebene könnte diese Schwachstelle aber beheben. Neben ökologischen und Nachhaltigkeits-Aspekten sind natürlich auch die Themen „Vielfalt“ und „Gleichstellung“ wichtig. Es kann nicht sein, dass die Hälfte der Menschen in Deutschland noch immer nicht den gleichen Zugang zu Entscheidungspositionen hat.

Im Wirtschaftsbereich sind Finanzströme ein wichtiger Hebel. Investoren sollten Unternehmen fördern, die nachhaltige Transformations-Anstrengungen unterstützen. Dabei wäre es aber falsch, nur noch „grüne Investitionen“ zu finanzieren und die Industrie, die sich in Richtung Nachhaltigkeit transformieren muss, vom Kapitalmarkt abzuschneiden. Denn gerade große Unternehmen können durch nachhaltiges Wirtschaften viel bewirken.

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Nachhaltiges Wirtschaften: Durch die Nutzung „grüner“ Energie können Unternehmen nachhaltiger werden. Doch das ist nur der Anfang.

Damit überhaupt ersichtlich ist, welche Unternehmen nachhaltig wirtschaften oder sich dahingehend entwickeln wollen, bedarf es transparenzfördernder Maßnahmen. Dazu zählt auch der Deutsche Nachhaltigkeitskodex. Berichtsstandards wie dieser haben einen weiteren positiven Effekt: Sie bringen Unternehmen dazu, relevante Fragen zu stellen und zu prüfen, wie sie selbst damit umgehen. Besonders für kleine und mittelständische Unternehmen ist das aber eine Herausforderung. Hierbei ist die Bundesregierung gefragt. Sie muss eine unterstützende Infrastruktur schaffen, etwa so wie bei der Steuererklärung: Unternehmen wissen, was zu tun ist, der Steuerberater hilft bei Fragen.

Deutscher Nachhaltigkeitscodex

Den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) hat der Rat für Nachhaltige Entwicklung 2011 beschlossen. Es handelt sich dabei um einen Berichtsstandard für Nachhaltigkeitsaspekte. Anhand von 20 Kriterien wird erfasst, wie nachhaltig ein Unternehmen wirtschaftet. Dies nutzt nicht nur den Anwendern von Unternehmen selbst, sondern bietet potenziellen Investoren auch mehr Transparenz.

Auf welche Weise wird nachhaltiges Wirtschaften die Finanzindustrie beeinflussen?

Die Bundesregierung sowie wichtige Aufsichtsbehörden und die EU haben bereits eine Vielzahl entsprechender Gesetze verabschiedet und bieten Orientierungshilfen an. Darunter sind etwa das „Corporate Sustainability Reporting‘-Richtlinien-Umsetzungsgesetz, die EU-Taxonomie, die Finanzmarktrichtlinie MiFID II oder das BaFin-Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken“. Demnach beschäftigen sich Finanzunternehmen allein aufgrund der Regulatorik schon jetzt mit dem Thema Nachhaltigkeit. Zusätzlich spielen Risikoerwägungen eine Rolle. Naturkatastrophen wie die extremen Unwetter im Juli 2021 zeigen: Wenn ich zukünftig ein Unternehmen finanzieren oder versichern will, muss ich über Nachhaltigkeitsaspekte nachdenken. Auch gesellschaftliche Erwägungen spielen für Unternehmen eine Rolle, weil die Legitimität ihres Geschäftsmodells auf dem Spiel steht.

Welche Möglichkeiten hat der Staat, Unternehmen zu nachhaltigem Handeln zu bewegen und ab welchem Punkt müssen Unternehmen eigenverantwortlich nachhaltig handeln und wirtschaften?

Der Staat definiert einen Rahmen. Die Gefahr ist, dass dadurch ein höheres freiwilliges Ambitionsniveau unterdrückt wird. Deshalb müssen Anreize dafür geschaffen werden, dass Unternehmen mehr tun, als das Gesetz verlangt. Außerdem sollte der Staat seine Vorreiterstellung als Marktteilnehmer nutzen und sich klar zu mehr Nachhaltigkeit bekennen. Die öffentliche Beschaffung ist der größte Haushalt in Deutschland. Schon jetzt existieren klare Regeln, aber kein eingeübter Umgang mit nachhaltiger Beschaffung. Ein Beispiel: Wenn die Bundeswehr ihre Stiefel über Jahre beim gleichen Hersteller bezogen hat und weiß, dass sie funktionieren, braucht es eine eingeübte Praxis und Mut, sich für neue, nachhaltigere Produktalternativen zu entscheiden. Was hierbei notwendig ist, ist gelebte Priorität. Das wiederum bietet Anreize für den Markt: Fordert die öffentliche Hand konsequent Nachhaltigkeit, müssen sich Unternehmen entsprechend umstellen.

Zur Person

Florian Harrlandt ist wissenschaftlicher Referent beim Rat für Nachhaltige Entwicklung. Dort betreut er die Themen nachhaltiges Wirtschaften, unternehmerische Verantwortung und nachhaltige Finanzen. Zudem verantwortet er mit seiner Kollegin Isabelle Krahe den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK). Zuvor arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in verschiedenen Forschungsprojekten zur Gleichstellung von Frauen und Männern sowie als Gutachter zum Thema Nachhaltigkeitsberichterstattung.

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