• Was sind die Folgen der Pandemie für die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte? Chefvolkswirt Dr. Jörg Krämer im Interview

Ein Virus, die Weltwirtschaft und die Kapitalanlagen

Nach dem Lock-down im März 2020 scheint sich die Situation in Deutschland zu stabilisieren. Wir versuchen, uns einen Überblick zu verschaffen, und wagen mit Commerzbank Chefvolkswirt Dr. Jörg Krämer einen ersten Ausblick: Was sind die Folgen der Pandemie für die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte? Und was bedeutet das für die Verbraucher und Sparer in Deutschland?

Herr Dr. Krämer, wie hat sich die Corona-Pandemie in den vergangenen Monaten auf die Weltwirtschaft ausgewirkt?

Dr. Jörg Krämer: Die Folgen sind dramatisch. Die Weltwirtschaft schrumpfte so stark wie sie es noch nie seit Ende des zweiten Weltkrieges getan hat. Das ist ein beispielloser Einbruch, den wir in Europa, den USA – also in den entwickelten Ländern – aber auch in den Schwellenländern wie in China sehen.

Was hat das für Folgen für die Finanzmärkte?

Auch die Aktienmärkte erlebten mit Ausbruch der Corona-Krise einen beispiellosen Einbruch. Die Börsenkurse sind in einigen Ländern deutlich stärker gefallen als nach dem schwarzen Freitag 1929. Wichtig ist aber auch, dass sich die Aktienmärkte schon kurz danach kräftig erholten, was sicherlich auch damit zu tun hat, dass die Notenbanken überall massiv gegengesteuert haben. Im Euroraum hat die Europäische Zentralbank ein neues, riesiges Anleihekaufprogramm beschlossen. Weltweit wurde von den Zentralbanken billiges Geld bereitgestellt. Hinzu kam, dass auch die Finanzminister die Schleusen geöffnet haben. Die meisten Länder haben massive Konjunkturprogramme aufgelegt.

Milliardenschwere Hilfsprogramme wurden gestartet. Welche Spuren werden diese hinterlassen?

Naja, also sie unterstützen natürlich die Wirtschaft, wieder auf die Beine zu kommen. Wobei die Lockerung der Corona-Maßnahmen sicherlich das wichtigste Konjunkturprogramm ist. Die Maßnahmen haben bereits an den Finanzmärkten Spuren hinterlassen: Die Aktienmärkte hätten sich ohne die Hilfen der Notenbanker und Finanzminister nicht so erholt, wie wir das erlebt haben. Die Schattenseite des Ganzen ist, dass die Staatsschulden überall stark ansteigen, auch in Ländern, die sich schon vor der Krise leider zu stark verschuldet hatten. Das ist sicherlich auch eine Belastung.

Wie kann das sein, dass wir trotz der hohen Schulden niedrige Zinsen haben? Können Sie das unseren Lesern nochmal erklären?

Ja gern. Die massive Staatsverschuldung und die vielen Kredite, die die Unternehmen aufgenommen haben, wären eigentlich ein Argument für höhere Zinsen. Tatsächlich sind die Zinsen aber gefallen, trotz der starken Nachfrage nach Kapital. Das liegt an den Zentralbanken, die in großem Stil Anleihen kaufen und so die Zinsen künstlich senken.

Was würde passieren, wenn die Notenbanken nun doch die Zinsen erhöhen würden?

Das würde viele Staaten in Schwierigkeiten bringen – besonders im Süden der Währungsunion.

Kann man also davon ausgehen, dass das Niedrigzinsfeld durch die Corona-Krise weiter verschärft worden ist?

Ja, die Zentralbanken haben deutlich gemacht, dass sie auf viele, viele Jahre an dieser lockeren Geldpolitik festhalten werden. Es wird also auf längere Sicht keine nennenswerten Zinsen mehr geben. Das führt dazu, dass Anleger in risikoreichere Aktien und Anleihen ausweichen müssen. Das erklärt auch die zuletzt gestiegenen Aktienkurse und die gewachsene Nachfrage nach Anleihen mit niedrigerer Bonität, die höher verzinst werden.

Commerzbank Chefvolkswirt Dr. Jörg Krämer erläutert die Folgen der Corona-Pandemie für die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte
Commerzbank Chefvolkswirt Dr. Jörg Krämer erläutert die Folgen der Corona-Pandemie für die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte
Mit der Lockerung der Corona-Maßnahmen erholte sich auch die Konjunktur.
Mit der Lockerung der Corona-Maßnahmen erholte sich auch die Konjunktur.

Was sind die Folgen des Niedrigzinsumfelds für die Verbraucher?

Auf der einen Seite profitieren Verbraucher davon, dass die Zentralbanken weltweit die Konjunktur stützen. Langfristig zahlen sie allerdings unter dieser Politik drauf, weil sie keinen ordentlichen Zins mehr verdienen können und sich mit ihrer Altersvorsorge schwertun. Die Folge ist auch ein größeres Ungleichgewicht der Einkommen, weil diejenigen, die Vermögen wie Immobilien und Aktien besitzen, von der lockeren Geldpolitik profitieren. Dagegen können Menschen mit wenig Vermögen nur wenig Mittel anlegen und sind auf relativ sichere Ersparnisse angewiesen. Diese werfen aber kaum Zinsen ab. All das führt zu mehr Einkommensungleichheit.

Wir haben gesehen, wie sich die Corona-Maßnahmen auf die Zinsen ausgewirkt haben. Was sind die Folgen für die Inflationsentwicklung und die Verbraucherpreise?

Corona dürfte die Inflation mittelfristig eher dämpfen. Wir haben massive Probleme am Arbeitsmarkt, wir haben bis zu 14 Millionen Kurzarbeiter, wir werden am Jahresende wahrscheinlich eine Million mehr Arbeitslose als vor der Corona-Krise haben. Die Menschen haben Angst um ihren Job. Die Gewerkschaften wissen das und halten sich mit Lohnforderungen zurück, die Lohnkosten steigen deshalb kaum. Das drückt überall auf der Welt die Inflationsrate.

Wie wird sich das Umfeld aus niedrigen Zinsen und einer tendenziell niedrigen Inflation für Unternehmer auswirken?

Auf der einen Seite sind viele Unternehmen froh, dass sie in der Krise Kredite bekommen haben, um die Corona-bedingten Einnahmeausfälle auszugleichen. Auf der anderen Seite stehen diesen Schulden keine ertragreichen Investitionen gegenüber, weshalb die Unternehmen die Kredite möglichst rasch tilgen möchten. Sie müssen deshalb sparen und sich beim Investieren und Einstellen zurückhalten. Außerdem verschärfen die niedrigen Zinsen die Probleme von Unternehmen, die eine eigene Pensionskasse haben.

Das war jetzt ein gutes Stichwort, die Pensionskassen. Kann man davon ausgehen, dass das Niedrigzinsumfeld auch zum Problem für die Vorsorge allgemein wird?

Das Niedrigzinsumfeld ist schon seit längerem ein Problem für die Vorsorge. Die Pensionskassen haben große Probleme, ihre Verbindlichkeiten mit ertragreichen Investments abzudecken. Sie dürfen ja nur sehr begrenzt in Aktien investieren, weil die Risiken dort ja einfach hoch sind. Die Versicherungen, die Pensionsfonds und auch die private Zusatzvorsorge stehen vor riesigen Herausforderungen.

Gibt es auch etwas Positives zu Corona zu sagen?

Es gibt immer Gewinner und Verlierer, das ist klar. Seitdem die Corona-Maßnahmen hier in Deutschland und in vielen Ländern wieder gelockert werden konnten, sehen wir eine merkliche Erholung der Konjunktur. Wenn der Staat die Menschen machen lässt, die Corona-Beschränkungen zurückfährt, dann bricht sich der natürliche Schaffensdrang der Menschen wieder Bahn, – und das ist doch sehr ermutigend.

… mit dem Rückenwind der Konjunkturprogramme auch, oder?

Ich würde es mal anders formulieren: Die Konjunkturprogramme würden nicht funktionieren ohne die Lockerung der Corona-Maßnahmen. Der Fleiß und die Schaffenskraft der Menschen sind aber das Entscheidende.

Tipp zum Kauf eines Gebrauchtwagens

Doch wie können Sparer darauf reagieren? Ist die Krise möglicherweise auch eine Chance?
Lesen Sie dazu das weitere Interview mit Jan Schneider , Produktspezialist der Commerzbank.

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