• Porträt-Foto Sara Nuru

    „Wir brauchen mehr Solidarität unter Frauen“

    Unternehmerin und Model Sara Nuru findet: Frauen müssen mehr zusammenarbeiten. Sie spricht aus guter Erfahrung, denn sie führt ihr Unternehmen mit einer Frau – ihrer Schwester. Ein Gespräch über das Leben als Gründerin, den Umgang mit Finanzen und Fehlinvestitionen.

Viele kennen Sara Nuru aus dem Fernsehen oder aus Magazinen: Als Gewinnerin von Germany's Next Topmodel im Jahr 2009 wurde sie hierzulande berühmt. Es folgte eine Karriere als Model, parallel orientierte sie sich jedoch noch in ganz andere Richtungen. Heute ist sie unter anderem Botschafterin für nachhaltige Entwicklung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – und vor allem: Unternehmerin. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Sali Nuru führt die 31-Jährige die Bio-Kaffeemarke nuruCoffee, ein sogenanntes Social Business. 50 Prozent des Gewinns gehen in das zweite Projekt der beiden: den gemeinnützigen Verein nuruWomen. Dieser hilft Frauen in Äthiopien, dem Heimatland ihrer Eltern, ihr eigenes Business aufzubauen – vom kleinen Dorfcafé bis zum Getreidehandel.

Es ist Mittwochnachmittag. Sara Nuru hat den Termin spontan am Vormittag zugesagt und sitzt nun in einem Hotelzimmer in Hamburg, lässig, locker und natürlich. Hinter ihr eine weiße Wand, vor ihr der Laptop. Sie ist für eine Fotoproduktion auf Reisen. „Es ist komisch: Seit dem ersten Lockdown habe ich totales Fernweh. Jetzt, wo ich unterwegs bin, will ich nur nach Hause“, sagt sie und lacht.

COMMERZBANK: Wir leben nun seit knapp 1,5 Jahren mit einer Pandemie. Was beschäftigt dich aktuell am meisten?

SARA NURU: Ich frag mich wirklich oft, wie wir aus dieser Krise rausgehen: Ob wir gestärkt und mit Hoffnung in die Zukunft blicken oder ob wir betrübt der Vergangenheit nachtrauern? Und auch, wie es mich persönlich verändert. Ich mag Veränderungen nicht sonderlich. Klar, ich liebe Abenteuer und Neues – aber nicht, wenn es mir von außen aufgezwängt wird. Also bin ich gespannt: Lerne ich etwas aus den vergangenen Monaten, nehme ich etwas mit? Ich habe so schöne neue Routinen eingeführt …

Welche?

Ich versuche morgens zu meditieren, habe Urban Gardening für mich entdeckt und töpfern …Wenn jetzt aber das alte Leben zurückkehrt, hat man auch den Drang, Dinge nachzuholen. Ich frage mich, ob ich bald wieder den alten Mustern verfalle?

Was willst du am wenigsten zurück?

Ständig und selbstverständlich von A nach B zu reisen, völlig rastlos. Ich glaube diese Notbremse, die wir alle weltweit bekommen haben, war für viele auch ein Denkzettel und Anlass, alles mal zu hinterfragen. Muss ich so viel reisen und konsumieren? Genauso im Hinblick auf die Zukunft: Wie investiere ich meine Zeit richtig, damit ich möglichst viel davon habe? Das gilt übrigens auch für das Thema Finanzen, über das ihr ja auch noch sprechen wollt: Wie schaffe ich es, mein Geld so sinnvoll anzulegen, dass ich mehr davon habe – und damit auch mehr vom Leben? Die aktuellen Umstände sind eigentlich gute Voraussetzungen für Veränderung.

Du sagst selbst von dir: Du hast das Thema Finanzen lange vernachlässigt. Wann hast du den Schalter umgelegt und dich das erste Mal wirklich damit auseinandergesetzt?

Ich habe verhältnismäßig früh viel Geld verdient, wollte mich damit aber überhaupt nicht beschäftigen. Als ich mit 19 anfing zu modeln, habe ich Dinge wie Buchhaltung direkt ausgelagert und andere machen lassen – bis ich irgendwann merkte, wie unwohl ich mich damit fühlte, selbst keinen Durchblick zu haben. Mit meinem Umzug nach Berlin, mit 22, dachte ich dann: Jetzt muss ich erwachsen werden, mich damit auseinandersetzen. Trotzdem habe ich es gehasst am Anfang! Geld hatte für mich immer einen komischen Beigeschmack.

Entweder-Oder mit Sara Nuru

Inwiefern?

Wenn man viel darüber redet oder hart verhandelt, gilt man schnell als gierig, gerade als Frau. Und dadurch, dass ich nichts in die Richtung studiert habe und das Thema in der Schule ja gar keine Rolle spielt, hat mich das alles sehr verunsichert. Ich dachte immer, andere können es besser.

Wie hast Du den Umgang mit Geld gelernt?

Ich habe viel gelesen, momentan höre ich oft Podcasts beim Aufräumen. Was auch extrem wertvoll ist, ist gute Beratung, da darf man nicht sparen. Wir hatten immer super Anwälte und Steuerberater. Noch heute telefoniere ich fast täglich mit unserer Buchhaltung und bin mir auch nicht zu schade, drei Mal nachzufragen, wenn ich etwas nicht verstehe – ob beim Thema Mitarbeiter oder Steuern. Heute habe ich einen guten Überblick, kann Verträge lesen und mache immer wieder selbst Anmerkungen. Denn auch wenn ich mich nach wie vor mit Anwälten absichere: Die Verantwortung für meine Entscheidungen trage ich.

Wie organisierst du deine Finanzen heute?

Ich habe meine Banking-Apps auf dem Handy, damit ich immer schnell Zugriff habe, sowie verschiedene Tools, mit denen ich Einnahmen und Ausgaben checken könnte. Aber ehrlicherweise mache ich das zu selten, eher alle paar Wochen, wenn ich wieder denke: Wo geht das ganze Geld hin? Dann mache ich Excel-Tabellen, ganz oldschool, schaue Kontoauszüge an und gucke, was unnötig Geld frisst. Ich habe getrennte Konten, eins fürs Private, eins fürs Geschäft, und versuche generell alles mit Karte zu zahlen. Früher dachte ich, wenn ich mein Geld bar ausgebe, gehe ich sparsamer damit um – stimmt aber nicht. Ich hebe auch immer meine Belege auf und versuche dann am Ende des Monats einfach mal zu schauen, für was ich wie viel ausgebe.

Und für was gibst du viel Geld aus?

Für Essen tatsächlich am meisten. Für Kleidung hingegen kaum etwas. Ansonsten habe ich langfristige Sparpläne, lege monatlich Geld auf verschiedene Konten: ein Sparkonto, ein Haushalts-Konto und dann Anlagen, bei denen ich etwas mehr ins Risiko gehe.

Gruppe Frauen

Bist du grundsätzlich ein risikofreudiger Typ, was Finanzen angeht?

Nein, ich bin sehr vorsichtig und gebe nie viel aus. Ich weiß auch nicht, warum? Na ja, ich weiß es natürlich ganz genau …

Warum?

Ich weiß, woher ich komme. Wenn Geld eigentlich nie da war, ist es nichts Selbstverständliches. Man hat Angst, dass es so schnell weg ist, wie es kam. Es gibt ja zahlreiche Beispiel für diesen Verlauf: Lotto-Millionäre, irgendwelche Superstars, die plötzlich pleite sind. Und gerade das Modeln ist ja ein sehr endlicher Job. Ich habe diesem ganzen Hype nie getraut. Und ich habe grundsätzlich großen Respekt vor Geld, weil ich bei meinen Eltern gesehen habe, wie hart man dafür arbeiten muss.

Together Stronger – was heißt das für dich?

Für mich bedeuten diese Worte in erster Linie Solidarität – und davon brauchen wir Frauen mehr untereinander. Wir sollten uns viel mehr austauschen, zusammenhalten. Fehler, die ich beim Thema Finanzen irgendwann gemacht habe, kann ich heute nicht mehr ändern. Aber vielleicht kann ich andere davon abhalten, dieselben Fehler zu machen. Wir haben über Jahrzehnte eingebläut bekommen, dass wir gegeneinander kämpfen müssen, jede für sich. Dass man die Ellbogen ausfahren muss. Aber zusammen kann man sich pushen und fördern und erreicht so oft viel mehr. Ich bin so glücklich, dass ich meine Schwester Sali als Partnerin habe. Ohne sie hätte ich schon längst das Handtuch geworfen – und umgekehrt. In den ersten zwei Jahren war ständig eine von uns kurz davor auszusteigen. Wenn es bei mir soweit war, war Sali immer zur Stelle und hat mich vom Gegenteil überzeugt.

Wie?

Sie hat mich an die Geschichten der Frauen und Kaffeebauern erinnert. Das vergisst man im Alltag schnell mal.

Du sagtest vorhin: Andere könnten von Fehlern, die du gemacht hast, lernen. Welche Fehler waren das?

Ich habe vor allem zu spät angefangen, mich damit zu befassen. Und dann gab es natürlich immer wieder mal Fehlinvestitionen. Als wir die Firma gegründet haben zum Beispiel, mieteten wir direkt ein Büro an. Ich wollte das unbedingt. Über Jahre hatte ich aus dem Koffer gelebt, mein Arbeitsplatz war dort, wo ich aus dem Zug oder Flieger ausgestiegen war. Plötzlich hatte ich einen Arbeitsweg! Das Büro war schick, alles fühlte sich toll an – aber wir wohnten zusammen und arbeiteten eigentlich nur vom Küchentisch aus. Es war einfach rausgeschmissenes Geld. Witzigerweise haben wir heute, fünf Jahre später, unseren Mietvertrag für ein neues Büro unterzeichnet. Und jetzt ist es auch sinnvoll: Wir haben mittlerweile ein Team von sieben Leuten.

Ihr hattet die Idee für nuruCoffee am besagten Küchentisch. Hat es euch Überwindung gekostet, euch selbstständig zu machen?

Wir haben gegründet, ohne einen Plan zu haben. Das würde ich jetzt nicht unbedingt jedem weiterempfehlen, aber uns hat es doch viel Angst genommen – beziehungsweise sie gar nicht erst entstehen lassen. Für uns hat das aus verschiedensten Gründen geklappt. Auch, weil ich Rücklagen hatte und mit dem Modeln immer noch ein zweites Standbein.

Sara Nuru schöpft mit den Händen Wasser aus einem Brunnen

Gerade unter Geschwistern kann es ja auch ganz schön krachen. Wie trefft ihr gemeinsam Entscheidungen?

Das gemeinsame Unternehmen hat natürlich viel verändert. Wir mussten lernen zu unterscheiden, wann wir Schwestern und wann Geschäfts-Partnerinnen sind …

Wie lernt man das?

Es war ein Prozess. Und wir haben regelmäßig Coachings gemacht. Es heißt ja oft, man soll kein Business mit der Familie machen: Für uns stimmt das nicht. Wir haben von unseren Eltern gelernt, dass Geld niemals über dem Familiären steht. Und wir haben uns auch klar aufgeteilt. Sali ist bei nuruCoffee deutlich stärker involviert, kümmert sich um Einkauf, Logistik. Ich bin da nicht so gut, das musste ich mir auch erstmal eingestehen. Dafür bin ich strategisch stärker und auch bei nuruWomen mehr im Operativen tätig.

Was verstehst du unter „To get her stronger“?

Ich glaube, Frauen brauchen keine Hand, die sie führt. Aber sie brauchen Mittel. Deshalb vergeben wir mit nuruWomen auch Mikrokredite an Frauen in Äthiopien: Sie sollen sie befähigen, sich durch unternehmerisches Handeln aus eigener Kraft heraus eine Existenz aufzubauen – ob sie Brot backen und verkaufen, ein Café eröffnen oder ins Getreidegeschäft einsteigen.

Auch bei euren Krediten setzt ihr quasi auf togetherstronger: Es werden Gruppen von Frauen gegründet, die gegenseitig füreinander bürgen. Warum habt ihr diesen Weg gewählt?

Der Kredit ist keine Spende: Die Frauen zahlen das Geld zurück, mit Zinsen. Die Zinsen zahlen sie nicht an uns zurück, sondern in den Topf der Frauen-Association, aus dem die nächsten Kredite fließen – sofern sie eine neue Investition tätigen wollen. Das ist total wichtig, denn wir wollen, dass die Frauen wirklich lernen zu wirtschaften. Nichts liegt uns ferner, also dort aufzutauchen, Geld zu verteilen und somit eine Abhängigkeit zu generieren. Das mit den Gruppen hat sich bewährt, weil so die Motivation steigt. In 98 Prozent der Fälle bezahlen die Frauen den Kredit innerhalb von 24 Monaten zurück. Aber es gibt immer wieder Einzelfälle, in denen das wegen persönlicher Schicksale doch nicht klappt. Somit bilden diese Frauen solidarischen Support. Sie tauschen sich untereinander aus, helfen sich. Oft werden sie Freundinnen. Keine will den anderen Frauen eine Last sein, also wird so eine Art Ehrgeiz geweckt, den Kredit pünktlich zurückzuzahlen und eben nicht zu sagen: Nach mir die Sintflut.

Neben dem Geld unterstützt ihr die Frauen mit Beratung. Wie kann man sich das vorstellen?

Zu Beginn des Programms gibt es eine fünftägige Schulung. Die Teilnehmerinnen lernen: Wie agiert man als Unternehmerin? In was kann man sich selbstständig machen? Wie wirtschaftet man richtig? Aber auch einfache Fragen wie: Was bedeuten Zinsen? Das wissen nicht alle. Für diese Tage bezahlen wir den Frauen eine finanzielle Entschädigung, denn in dieser Zeit können sie ja sonst nichts verdienen. Das ist tatsächlich für manche auch ein Anreiz teilzunehmen. Und je mehr mitmachen, desto besser.

Was treibt dich an, andere zu unterstützen?

Zu sehen, dass unser Handeln etwas bewirkt. Zu sehen, wie die Frauen in Äthiopien ihre Situation in die Hand nehmen. Die Frauen verdanken ihren Erfolg nicht uns, sondern sich selbst.

Äthiopien und Deutschland sind sehr unterschiedliche Länder. Siehst du trotzdem auch Parallelen in Sachen Finanzen bei Frauen – oder kann man das überhaupt nicht vergleichen?

Wenn man das mal ganz simpel betrachtet, ist es komplett das Gleiche. Letztendlich geht es darum, dass man sein Geld möglichst sinnvoll nutzt – also bestenfalls so wirtschaftet, dass man am Ende mehr hat. Das ist, glaube ich, universell gleich. Der Unterschied ist natürlich: In Äthiopien geht es ums Überleben, darum, dass man nachts nicht hungrig ins Bett gehen muss und die Kinder in die Schule gehen können.

Sara Nuru unterhält sich mit zwei Frauen

Als weibliche Gründerinnen seid ihr immer noch Teil einer Minderheit. Warum glaubst du, machen sich Frauen in Deutschland so selten selbstständig?

Das klingt jetzt nach Binse, ist aber so: Männer überschätzen sich oftmals, Frauen unterschätzen sich. Und das ist auch ein Grund, warum wenige Frauen mutig genug sind, diesen Schritt überhaupt zu gehen, weil wir doch eher sicherheitsorientiert sind.

Sara Nuru schaut hoch

Hast du schon einmal die Erfahrung gemacht, dass du als Frau beim Thema Geld nicht richtig ernstgenommen wurdest?

Es gab und gibt immer noch oft Situationen, in denen mein Urteilsvermögen angezweifelt wurde und wird. Selbst wenn ich ganz klar gesagt habe, was ich möchte. Zum Beispiel als ich mir meine erste Wohnung kaufen wollte. Der Anwalt, den ich beauftragt hatte, den Vertrag zu prüfen, hat mir total abgeraten. Er ist fast vom Stuhl gefallen – nicht nur, weil ich eine Frau war, sondern eben auch jung. „Niemals kriegen Sie diese Rendite“, meinte er. Ich habe mich zum Glück aber nicht abbringen lassen.

Wie reagierst du in solchen Situationen?

Man sollte den Mut aufbringen und dem Gegenüber sagen: Das, was da gerade passiert, ist nicht cool. Sonst machen sie das immer wieder, ohne zu reflektieren. Leicht fällt mir das aber bis heute nicht, ich bekomme Herzrasen, feuchte Hände. Ich frage mich so oft warum. Ist es so schwer für sich einzustehen? Aber egal, mit welcher Freundin ich darüber spreche: Das geht leider allen so.

Was ist deiner Ansicht nach der wichtigste Rat, den man einem Menschen in Sachen Finanzen geben kann?

Verlass dich nicht darauf, dass jemand anders weiß, was zu tun ist! Es ist wichtig, dass man diesen unangenehmen Weg einmal selbst angeht, finde ich. Denn es lohnt sich im Nachhinein. Schwierig ist immer diese erste Hürde, aber dann können Finanzen auch Spaß machen. Also ich freue mich, wenn ich merke, dass ich irgendwo etwas optimiert habe, weil ich zum Beispiel ein Abo gekündigt habe. Und auch, wenn man mit Freundinnen über Aktien spricht, macht das Spaß. Ich will das Thema nicht aus der Hand geben, sondern die Verantwortung selbst dafür tragen. Die übernimmt man schließlich für so viele andere Sachen im Leben wie selbstverständlich. Warum nicht hier?


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