• Corona-Krise: Wann der Tiefpunkt an der Börse überschritten ist

    Corona-Krise: Wann der Tiefpunkt an der Börse überschritten ist

„Hinterher ist man immer schlauer!“, sagt ein Sprichwort.

Denn wer kann schon im Vorfeld mit absoluter Gewissheit behaupten, dass das Minimum eines Kurses erreicht ist? Aber gerade in dieser schwierigen Zeit suchen Privatanleger fieberhaft nach einem Rezept, die Tiefpunkte der aktuellen Börsenkurse zu erkennen. Leider haben sich die marktüblichen Orientierungspunkte innerhalb weniger Tage in Luft aufgelöst. Gibt es denn jetzt andere Indikatoren, die für ein Wiederansteigen der Kurse sprechen?

Ein ganz normaler Börsen-Crash

Er ereignet sich alle drei bis fünf Jahre. Meist handelt es sich dabei um eine schnelle Korrektur innerhalb eines langfristigen Aufwärtstrends. Dabei neigt sich die Kurve mit maximal 15-20% Kursverlust nach unten. Ein echter „Bärenmarkt“ dagegen startet mit einem Minus von 20% vom letzten Hoch. Wenn es also mit rechten Dingen zugeht, dann haben sich vier Indikatoren als ziemlich zuverlässig beim richtigen Zeitpunkt für Nachkäufe herausgestellt: Erstens eine Abkehr von „sicheren Häfen“, wie dem Schweizer Franken oder Gold. Das zeigt, dass die Scheu der Investoren nachlässt und das Interesse für risikoreichere Anlagen zurückkehrt. Zweitens eine übertrieben negative Stimmung an den Börsen – ein klassisches Gegenanzeichen. Je extremer das Stimmungsniveau, desto wahrscheinlicher ist die Trendwende. Das dritte Anzeichen ist ein deutlicher Anstieg der Volatilitätsindizes. Schwankungsbreiten von über 30 gelten als Kaufsignal. Und viertens: ein finaler Ausverkaufstag, der durch extrem hohe Handelsvolumina und deutliche Kursverluste gekennzeichnet ist.

Doch der aktuelle Crash ist nicht normal

Aktuell funktioniert das zuverlässige Zusammenspiel der genannten Indikatoren überhaupt nicht mehr. Denn der Coronavirus bewirkt einen von außen kommenden Schock, der börsengeschichtlich einmalig ist. Noch nie zuvor gab es dauerhaft eine so pessimistische Stimmung an den Börsen. Volatilitätsindizes, die auf extrem hohen Niveaus verbleiben und abstürzende Kurse vermeintlich sicherer Anlagen wie dem US-Dollar oder Bundesanleihen sind ein bisher nie dagewesenes Phänomen.

Das Problem

Das Coronavirus wird in der ersten Jahreshälfte zu einem drastischen wirtschaftlichen Einbruch führen.

Viele Branchen müssen ihre wirtschaftliche Aktivität durch die restriktiven Maßnahmen, die die Verbreitung des Virus eindämmen sollen, auf Null herunterfahren. Mittlerweile befürchten immer mehr Volkswirte, dass wir im zweiten Quartal mit einem BIP-Rückgang von 20% und mehr rechnen müssen. Das ist nicht vergleichbar mit den Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007. Unter diesen Bedingungen können die eigentlich zuverlässigen Timing-Indikatoren nicht mehr funktionieren.

Worauf sollen wir dann achten?

Zwei ausschlaggebende Punkte sprechen für eine mögliche Trendwende an den Märkten:

Wenn erkennbar wird, dass es gelingt Corona, in der westlichen Welt spürbar einzudämmen.

Die Blaupause dazu ist China, denn dort haben sich die Aktienmärkte mit dem beginnenden Rückgang der Neuinfektionen deutlich erholt. Daher ist das genaue Beobachten der Infektionszahlen weiter oberste Anlegerpflicht. Wichtig dabei ist, auf die Unterschiede in der Messmethodik zu achten. So werden in Japan, Deutschland, Italien und der USA bisher erheblich weniger Tests durchgeführt als in China. Daher ist hierzulande die Zahl der unerkannt Infizierten größer und es bedarf einem deutlicheren Rückgang der Infektionszahlen.

Zweitens könnten die Kurse an den Märkten deutlich zu weit nach unten sinken und so Kaufchancen eröffnen. Das wäre der Fall, wenn die durch Corona verursachte Wachstumskrise als anhaltend systemische Krise fehlinterpretiert würde. Als belastungsfähiger Bewertungsmaßstab hat sich dabei das Kurs-/Buchwertverhältnis etabliert. Im Gegensatz zum Kurs-Gewinn-Verhältnis, bei dem der einfließende Gewinn in einer Rezession natürlich nur schwer abzuschätzen ist.

Sollte allerdings aus Corona doch noch eine systemische Krise mit hohen Ausfallraten im Kreditbereich, explodierenden Staatsschulden und eklatanten Rissen im Bankensektor werden, wäre wohl erst beim 0,7-fachen Buchwert ein Haltepunkt erreicht. Und der würde dann erst bei 6400 Dax-Punkten liegen.

Fazit: Haben Sie Mut – es zahlt sich aus!

„Andere Zeiten – andere Sitten.“ Aktuell sind die aus früheren Krisen bekannten Indikatoren für einen guten Zeitpunkt zum Wiedereinstieg nicht besonders zuverlässig. Unabhängig davon können sie den Mut, sich gegen den Abwärtstrend zu stemmen ohnehin nicht ersetzen. Handeln Sie also antizyklisch – am besten timingunabhängig und in mehreren Tranchen über einen längeren Zeitraum.

Chris-Oliver Schickentanz

Autor: Chris-Oliver Schickentanz

Chef-Anlagestratege der Commerzbank


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