Dax 40: Das ändert sich

Der Dax wird attraktiver, seine Rolle sollte aber nicht überschätzt werden, meint Chris-Oliver Schickentanz.

Man sieht Würfel, die von 30 auf 40 gedreht werden.

Am deutschen Aktienindex kommt niemand vorbei, der Nachrichten schaut oder hin und wieder die Zeitung aufschlägt. Das hat seinen Grund: Der deutsche Leitindex Dax misst die Aktienentwicklung der größten börsennotierten Unternehmen im Land und ist damit ein Gradmesser dafür, wie es um die Wirtschaft bestellt ist. Nach mehr als drei Jahrzehnten seit Gründung wächst der Leitindex um zehn Aktien und erhält neue Auswahlkriterien. Was sich ändert und worauf Anleger künftig achten sollten, erklärt Chris-Oliver Schickentanz, Chefanlagestratege der Commerzbank.

Herr Schickentanz, am 20. September 2021 wurde der Dax auf 40 Unternehmen erweitert. Wieso hat sich die Deutsche Börse für diesen Schritt entschieden?

Es ging zum einen darum, den Dax an international übliche Standards anzupassen. Vor der Erweiterung umfasste der Dax nur 30 Titel. Die meisten anderen großen Länderindizes bilden jedoch mehr als 30 Titel ab. In Frankreich sind es 40, in Großbritannien 100 und in den USA sogar 500 Indexmitglieder. Sie bilden die jeweilige Wirtschaft damit detaillierter ab. Durch die Erweiterung auf 40 Titel wurde der Dax also breiter aufgestellt.

Welche Unternehmen sind neu im Dax 40?

Diese zehn Unternehmen sind am 20. September 2021 aus dem MDax in den Dax aufgerückt:

  • Airbus SE
  • Zalando SE
  • Siemens Healthineers AG
  • Symrise AG
  • HelloFresh SE
  • Sartorius AG Vz
  • Porsche Automobil Holding
  • Brenntag SE
  • Puma SE
  • Qiagen N.V.

Der Fall Wirecard hat im Jahr 2020 Mängel im Dax offengelegt. Der Zahlungsdienstleister ging bankrott, blieb aber noch einige Zeit im Leitindex. Reagiert die Deutsche Börse auch darauf?

Für die Aufstockung war das nicht der treibende Faktor. Aber zeitgleich mit der höheren Titelzahl hat die Börse auch neue qualitative Auswahlkriterien für die Dax-Elite beschlossen. Um diese Regeln zu erklären, hilft zunächst der Blick auf die bisherige Zusammensetzung des Dax. Wer in den Index kommt, wurde anhand der quantitativen Kriterien Marktkapitalisierung sowie Börsenumsatz bestimmt. Unternehmen mussten aber nicht nachweisen, dass sie Gewinn machen. Genau das läuft nun anders. Damit nutzt die Deutsche Börse die Gelegenheit, um Lehren aus dem Wirecard-Skandal zu ziehen – immerhin ein Ex-Mitglied des Dax.

Welche Kriterien müssen Unternehmen nun erfüllen, um in den Dax aufgenommen zu werden?

Von den quantitativen Kriterien ist nur noch der Marktwert einer Aktie relevant, das Handelsvolumen spielt also keine Rolle mehr. Darüber hinaus gibt es aber zusätzliche qualitative Kriterien, die insbesondere Privatanleger besser schützen sollen:

1

Unternehmen müssen nachweisen, dass sie seit mindestens zwei Jahren in Folge profitabel arbeiten. Gemessen wird das am operativen Ergebnis, also dem Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. So will man verhindern, dass Firmen in den Leitindex gelangen, die zwar hohe Umsätze erzielen, aber letztlich operativ keine schwarzen Zahlen schreiben.

2

Künftige Dax-Mitglieder müssen Geschäfts- und Quartalsberichte innerhalb enger Fristen veröffentlichen und damit belegen, dass sie den Anforderungen von Wirtschaftsprüfern und der Börsenaufsicht nachkommen. Halten sie die Abgabetermine nicht ein, fliegen sie sehr schnell und automatisch aus dem Index. Damit könnte sich die Causa Wirecard nur bedingt wiederholen. Das Unternehmen hatte mehrfach gesetzte Fristen für einen testierten Jahresabschluss verstreichen lassen.

3

Es werden nur Unternehmen aufgenommen, die den  Deutschen Corporate Governance Kodex berücksichtigen.
Bei diesem Regelwerk geht es um Themen der verantwortungsvollen
Unternehmensführung wie zum Beispiel die unabhängige Besetzung des
Aufsichtsrats. Als „Governance“ zählt die Unternehmensführung zu den drei
Kriterien, mit denen Analysten die Nachhaltigkeit einer Firma bewerten
(ESG-Kriterien).

Wie bewerten Sie die Erweiterung des Leitindex auf 40 Unternehmen und die neuen Regeln?

Die Aufstockung ist aus meiner Sicht eine gute Nachricht. Denn der Dax liefert damit ein genaueres Abbild der deutschen Wirtschaft und ist so für Investoren interessanter. Die strengeren Aufnahmekriterien sehe ich ebenfalls positiv. Anleger können dadurch mehr Vertrauen in den Leitindex haben – auch wenn eine bloße Indexmitgliedschaft natürlich nichts über die künftigen Perspektiven einer Aktie verraten.

Wer schlechte Erfahrungen mit einzelnen Aktien gemacht hat, den wird das vielleicht nicht beruhigen. Wozu raten Sie gerade verunsicherten Anlegern?

Es kann helfen, sich die wohl wichtigste Börsenregel ins Bewusstsein zu rufen. Nicht alles auf eine Karte setzen und breit gestreut zu investieren.

Können Sie dieses Erfolgsprinzip der Geldanlage näher erläutern?

Eine Spekulation auf wenige Titel kann hohe Gewinne abwerfen – birgt jedoch auch hohe Risiken. Denn wenn es den Unternehmen schlecht geht, leiden auch die Anleger. Anders sieht aus, wenn das Geld auf viele verschiedene Unternehmen, Branchen und Länder verteilt ist. Dann fallen Kursverluste einzelner Aktien nicht so stark ins Gewicht. Vielmehr können Anleger davon profitieren, dass die Weltwirtschaft langfristig wächst. Und damit auch vorübergehende Konjunkturschwankungen keine Rolle spielen, sollten Sie auf einen ausreichend langen Anlagezeitraum von mindestens zehn bis 15 Jahren achten.

Ist es gerade für Einsteiger nicht zu aufwändig, so viele verschiedene Unternehmen zu bewerten und aussichtsreiche Papiere zu kaufen?

In der Tat ist das sehr aufwändig und für Einsteiger nicht zu empfehlen. Leichter geht es mit Fonds und ETFs (börsengehandelte Fonds). Hiermit investieren die Fondsmanager im Auftrag der Anleger in ein umfangreiches Portfolio. Dabei ist es wichtig, nicht irgendeinen Fonds zu kaufen, sondern ein Anlageprodukt auszuwählen, das zum jeweiligen Risikoprofil passt. Ein Gespräch mit dem Bankberater kann darüber Aufschluss geben.

Können Anleger über einen ETF auch in den Dax 40 investieren?

Das stimmt. Und der Dax 40 kann ein sinnvoller Baustein der Geldanlage sein. Allerdings sollte er nur einen kleinen Teil vom Ganzen ausmachen. Ansonsten sind Anleger zu stark vom Wohl und Wehe der deutschen Wirtschaft abhängig und verpassen zugleich Ertragschancen anderer Regionen.

Ist es ergänzend eine gute Idee, Geld in den MDax zu investieren?

Aus meiner Sicht war der MDax bisher ein guter Index, der seinen großen Bruder, den Dax, sogar über weite Strecken übertroffen hat. Doch das hat sich nun geändert. Der MDax hat wertvolle Titel verloren, weil diese in den Dax 40 aufgerückt sind. Damit ist der MDax der heimliche Verlierer der Reform. Anleger sollten sich gut überlegen, ob sie weiterhin in den Index investieren oder in ihre Geldanlage auch andere Segmente wie zum Beispiel kleinkapitalisierte Werte einbeziehen möchten.